https://www.faz.net/-gqz-94tg8

Verdis „Falstaff“ in Antwerpen : Da sitzt ein Orchester im Baum

Das letzte Bild ist ein Coup

Den Großen ebenbürtig zu sein, danach sehnt sich Ford, Alices Mann. Und Johannes Martin Kränzle, der vergangenen Sommer in Bayreuth einen so feinen, klugen, leisen Beckmesser in Richard Wagners „Meistersingern“ gestaltet hat, gibt den Ford hier als einen vor Rache glühenden Aufsteiger, der sich diese Größe am Ende wirklich verdient: durch Sanftmut, die Fähigkeit zum Verzeihen und die Einwilligung in die Ehe seiner Tochter Nanetta (frisch und quick: Anat Edri) mit dem jungen Fenton (lebhaft und schön timbriert: Julien Behr). Kränzle und Colclough sind als Ford und Falstaff zwei absolut ebenbürtige Sänger, die sich noch im heftigsten Schlagabtausch der Konversation, noch im raschesten Geplapper nie dazu hinreißen lassen, den genauen Tonansatz, also den schönen Gesang, der Sprache oder dem Affektausbruch zu opfern.

Waltz hat das Stück in die von Verdi intendierte Zeit zurückversetzt:: nach Merry Old England, da kragenlose Hemden noch nicht retro waren

Die schlichte Bühne von Dave Warren – nur Requisiten wie Tisch, Bank, Korb, Treppenpodest vor einem Vorhang – ändert sich erst im letzten Bild. Und das ist ein Coup! Waltz hat die Pause für das Publikum mitten in den dritten Akt legen lassen, um Zeit für einen Umbau zu gewinnen. Der nächtliche Park von Windsor ist ein großes Gerüst, auf dem das gesamte Orchester, das den ganzen Abend unter der Leitung von Tomáš Netopil so lebhaft und treffsicher geplappert, geraschelt, getuschelt und geknistert hat, sitzt wie Elfen im Gezweig der Bäume. Das Publikum ist völlig hingerissen von dem schönen Einfall und klatscht spontan, als sich der Vorhang hebt zum Ruf des Horns, der noch vom ersten Rang im Saal geblasen wird. Zum Feen- und Elfenspuk, mit dem Falstaff ein zweites Mal reingelegt wird, kommen die Sänger aus dem Orchestergraben.

Ein Spiel mit den Konventionen des Theaters

Waltz spielt hier – Ruth Berghaus und andere haben es vorgemacht – mit den Konventionen der Orte im Theater; aber er spielt auch mit den Konventionen des Aktualisierungsdrucks. Zur Schlussfuge, wenn die zehn Solisten (auch noch Michael Colvin als Doktor Cajus, Denzil Delaere als Bardolfo und Markus Suihkonen als Pistola) gemeinsam mit dem Orchester feststellen, dass alles in der Welt Narretei sei, ziehen sämtliche Darsteller ihre Kostüme aus und stehen plötzlich da wie Menschen unserer Tage und wie Sänger im Konzert.

Zeitgenossenschaft erwächst just in dem Moment, da die Dringlichkeit des Handelns sich erledigt hat und die Welt akzeptiert sein will als ein Ort, wo wir „alle Gefoppte“ sind. Waltz beschwört Gegenwart durch Stillstellung des Dramas in reiner Musik, womit zugleich die Äußerlichkeiten als belanglos erscheinen für das, was uns betrifft. Mit Odo Marquard, dem immer noch gegenwärtigen Harlekin der Philosophie, gesprochen: „Der Sinn, und so viel steht wohl fest, ist stets der Unsinn, den man lässt.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Kündigt Sanktionen gegen die Türkei an: der amerikanische Präsident Donald Trump.

Stahlzölle steigen : Trump kündigt Sanktionen gegen Türkei an

Washington hatte Ankara mehrfach gewarnt, nun macht die Regierung ernst: Die Strafzölle auf Stahl aus der Türkei sollen wegen der umstrittenen Militäroffensive der Türkei in Syrien auf 50 Prozent steigen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.