https://www.faz.net/-gqz-9mntb

Koskys Uraufführung der Oper „M“ : Warte nur ein Weilchen

  • -Aktualisiert am

Immer spür’ ich, einer ist hinter mir her, das bin ich selbst: Der grandiose Scott Hendricks singt den „M“. Bild: Marcus Lieberenz

Wen die kleinen Erwachsenen jagen: Barrie Kosky bringt in Berlin die Oper „M“ von Moritz Eggert zur Uraufführung. Zu sehen war ein Stück, das den Fokus ganz auf die Psyche eines verfolgten Kindermörders legt.

          4 Min.

          Musik, überall Musik. Blechbläser brüllen den Zuhörer von vorn an, Streicherlinien schlängeln sich von hinten in sein Gehirn, ein Kinderchor singt aus dem Off unschuldiges Liedgut in atonale Klangflächen hinein, in das grelle Blitze aus dem Synthesizer zucken. Ganz eingehüllt wird man von Klängen, die der Komponist Moritz Eggert aufgrund eines ausgeklügelten Surround-Verfahrens in den Raum schickt, bis sie sich im Kopf festsetzen und dort zu kreisen beginnen.

          Dieser Mix aus altbekannter, emotional aufgeladener Monumentalsinfonik, dem eine trompetenfarbige Melodik einen gewissen „Dreigroschenoper“-Sound verpasst, aus xylophonklappernden Jazz-Rhythmen, Trivialmelodik und ehrwürdigen Chorälen, zerschnitten von Sinus-Klängen der achtziger Jahre, die den ganzen hochkulturellen Anstand, ob Avantgarde oder nicht, über den Haufen werfen, irgendwie zu Frank Zappa herüberschielend, ist ein Wahnsinn, der Methode hat: Verwirrende Komplexität eignet auch dem Sujet des Operneinakters „M“, in Auftrag gegeben und uraufgeführt von der Komischen Oper Berlin.

          Nah am Handlungsstrang des Originals

          Sehr frei – und auch wieder nicht – nach Fritz Langs Meisterfilm „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ schrieb Hausherr Barrie Kosky mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz ein Libretto, das den Fokus ganz auf die Psyche des verfolgten Kindermörders legt. Was verändert sich in seinem Kopf, während Jagd auf ihn gemacht wird? Welchem Wirrwarr von Gefühlen muss er sich stellen? Hat er wirklich acht Kinder ermordet, oder sind die Erinnungsfetzen seiner Taten nur Ausgeburten einer kranken Fantasie? Albtraumartig vermischen sich die musikalischen wie die inhaltlichen Ebenen. Dem Handlungsgang des Originaldrehbuchs wird bis in wörtliche Zitate weitgehend gefolgt. Die Stimmung von Angst und Ausgeliefertsein vertiefen Kinderlieder, die trostlose, schon Nazi-bedrohte Atmosphäre des Berlins nach Erstem Weltkrieg und Wirtschaftsdepression Gedichte des genialen Satirikers und Lang-Zeitgenossen Walter Mehring.

          Anders als im Film steht auch „M“ sofort auf der Bühne. Ein Lichtkegel fängt den Bariton Scott Hendricks ein, wie er, erschöpft von der Flucht, rennend auf der Stelle tritt, sich abstrampelt. Er ist der einzige sichtbare Gesangssolist, bringt Facetten von Angst, Getriebensein, Naivität, bruchstückhafter Erkenntnis, Entsetzen und Trauer glaubwürdig zum Ausdruck. Hendricks, in Gesicht und Physiognomie dem „M“-Darsteller Peter Lorre nicht unähnlich, bewältigt expressive Melodik ebenso grandios wie Sprechgesang und Sprache: „Immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber!“ Vom Albtraum der mitrennenden Gespenster von Müttern und Kindern fühlt er sich nur im Moment einer neuen Mordtat erlöst: „Will nicht! Muss!“ Ein Hauch Wozzeck klingt an, wenn Hendrick seinem extrem gelagerten Gesang Glissandi und fast tierhaft klagende Falsett-Töne beifügt. Dies sind die Momente, in denen die Aufführung emotional anrührende Qualität erlangt.

          „Warte, warte nur ein Weilchen“, singt der Kinderchor zu Beginn, die Moritat vom Massenmörder Haarmann anstimmend. Unheimlich auch das Pfeifen des Grieg-Motivs „In der Halle des Bergkönigs“, „Erkennungsmelodie“ des Unholds. Schon damals trieb der Volksmund mit Entsetzen Scherz, um das Grauen zu bändigen. Dies tut auch Kosky in seiner Eigenschaft als Regisseur, frönt damit seinem Hang zur Groteske, ohne diesmal allzusehr in Klamauk abzurutschen. Das Beste daran: Er versucht gar nicht erst, mit den Qualitäten des Films, der schauspielerischen Individualisierung seiner Protagonisten, der expressionisch-schattenrisshaften Atmosphäre zu konkurrieren.

          Klaus Grünberg hat ihm eine karge, schmale Bühne gebaut, auf der sich verfallene Häuser durch raffinierte Beleuchtungstricks (ebenfalls Grünberg) in schmale Türen mit der Aufschrift „Notausgang“ wandeln können – Fallen, in denen „M“ letztlich gefangen wird. Darunter verbirgt sich sinnfälligerweise die „Unterwelt“ – Verbrecher und Bettler, die, selber Ausgestoßene, parallel zur Polizei den Ausgestoßenen jagen. Sie alle lässt Kosky von stumm agierenden Kindern darstellen, denen er überdimensionale Erwachsenenköpfe aufsetzt (Kostüme: Katrin Kath), vertrocknete, traurige, gemeine, fratzenhafte. Ebenso wird hier die Erwachsenenwelt in ihrer hilflosen Unfähigkeit gezeigt wie die Wahnwelt des „Mörders“, der überall nur Kinder sieht und sich ihre Perspektive aneignet. Und während heute wahrscheinlich niemand seine überbehüteten Kinder in diese Oper des Grauens schicken würde, wird daran erinnert, wie Kinder zumindest der Unterschicht im Berlin der zwanziger Jahre schon kleine Erwachsene waren, mit Not und Elend konfrontiert, aber auch gewitzt, nüchtern und realitätstauglich.

          Klischeehaft, und doch wieder nicht

          Der politischen Überkorrektheit von heute wird mit der fabelhaft beweglichen und spielfreudigen Kinderkomparserie der Komischen Oper eins ausgewischt, gesprochen im besten Berliner Jargon von Absolventen und Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch. Natürlich werden auch hier Anleihen an Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ deutlich, die Machenschaften von Hakenfinger-Jakob und Münz-Matthias auf der Jagd nach Meckie Messer, während die im Dunkeln tappenden und zum Schluss die Lorbeeren erntenden – allerdings auch eine Lynchjustiz verhindernden – Ordnungshüter ihr satirisches Fett wegbekommen.

          Das mag Klischee sein und ist es auch wieder nicht, denn die besorgten, nach Wiederherstellung der Ordnung rufenden Eltern und Nachbarn, die sich steigernde Pogromstimmung berühren überraschend heutig. Insofern kommt das Stück zur rechten Zeit, legt einen Finger in die Wunde des zunehmenden Auseinanderdriftens in „Normale“ und „Wegzusperrende“. Auch die „Totschlagen“-Rufe des Erwachsenenchors (Vocal Consort Berlin) erinnern durchaus an das „Kreuzige“ der Bach-Passionen, setzten auch hier neue Überlegungen durch Klischees in Gang. Eggerts Anspruch an „moderne Oper“ von direkter Zugänglichkeit erfüllt sich, indem er Bekanntes zu Neuem zusammensetzt, das eher im „Banne des Unheimlichen“ steht als sich harmonisch aufhellt. Dass es sich zur Freude des heftig applaudierenden Publikums unterhaltsam gibt, muss kein Mangel sein.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Genforschung zeigt: Es gibt keine biologische Begründung von Rasse. Alle Menschen sind gleich.

          Debatte über Streichung : Der gefährliche Mythos Rasse

          Der Begriff der Rasse soll aus dem Grundgesetz verschwinden. Geprägt von einem französischen Arzt und Philosophen hat das Wort eine zweifelhafte wissenschaftliche Karriere gemacht – mit mörderischen Folgen. Forscher arbeiten an seinem Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.