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Koskys Uraufführung der Oper „M“ : Warte nur ein Weilchen

  • -Aktualisiert am

Immer spür’ ich, einer ist hinter mir her, das bin ich selbst: Der grandiose Scott Hendricks singt den „M“. Bild: Marcus Lieberenz

Wen die kleinen Erwachsenen jagen: Barrie Kosky bringt in Berlin die Oper „M“ von Moritz Eggert zur Uraufführung. Zu sehen war ein Stück, das den Fokus ganz auf die Psyche eines verfolgten Kindermörders legt.

          Musik, überall Musik. Blechbläser brüllen den Zuhörer von vorn an, Streicherlinien schlängeln sich von hinten in sein Gehirn, ein Kinderchor singt aus dem Off unschuldiges Liedgut in atonale Klangflächen hinein, in das grelle Blitze aus dem Synthesizer zucken. Ganz eingehüllt wird man von Klängen, die der Komponist Moritz Eggert aufgrund eines ausgeklügelten Surround-Verfahrens in den Raum schickt, bis sie sich im Kopf festsetzen und dort zu kreisen beginnen.

          Dieser Mix aus altbekannter, emotional aufgeladener Monumentalsinfonik, dem eine trompetenfarbige Melodik einen gewissen „Dreigroschenoper“-Sound verpasst, aus xylophonklappernden Jazz-Rhythmen, Trivialmelodik und ehrwürdigen Chorälen, zerschnitten von Sinus-Klängen der achtziger Jahre, die den ganzen hochkulturellen Anstand, ob Avantgarde oder nicht, über den Haufen werfen, irgendwie zu Frank Zappa herüberschielend, ist ein Wahnsinn, der Methode hat: Verwirrende Komplexität eignet auch dem Sujet des Operneinakters „M“, in Auftrag gegeben und uraufgeführt von der Komischen Oper Berlin.

          Nah am Handlungsstrang des Originals

          Sehr frei – und auch wieder nicht – nach Fritz Langs Meisterfilm „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ schrieb Hausherr Barrie Kosky mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz ein Libretto, das den Fokus ganz auf die Psyche des verfolgten Kindermörders legt. Was verändert sich in seinem Kopf, während Jagd auf ihn gemacht wird? Welchem Wirrwarr von Gefühlen muss er sich stellen? Hat er wirklich acht Kinder ermordet, oder sind die Erinnungsfetzen seiner Taten nur Ausgeburten einer kranken Fantasie? Albtraumartig vermischen sich die musikalischen wie die inhaltlichen Ebenen. Dem Handlungsgang des Originaldrehbuchs wird bis in wörtliche Zitate weitgehend gefolgt. Die Stimmung von Angst und Ausgeliefertsein vertiefen Kinderlieder, die trostlose, schon Nazi-bedrohte Atmosphäre des Berlins nach Erstem Weltkrieg und Wirtschaftsdepression Gedichte des genialen Satirikers und Lang-Zeitgenossen Walter Mehring.

          Anders als im Film steht auch „M“ sofort auf der Bühne. Ein Lichtkegel fängt den Bariton Scott Hendricks ein, wie er, erschöpft von der Flucht, rennend auf der Stelle tritt, sich abstrampelt. Er ist der einzige sichtbare Gesangssolist, bringt Facetten von Angst, Getriebensein, Naivität, bruchstückhafter Erkenntnis, Entsetzen und Trauer glaubwürdig zum Ausdruck. Hendricks, in Gesicht und Physiognomie dem „M“-Darsteller Peter Lorre nicht unähnlich, bewältigt expressive Melodik ebenso grandios wie Sprechgesang und Sprache: „Immer spür ich, es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber!“ Vom Albtraum der mitrennenden Gespenster von Müttern und Kindern fühlt er sich nur im Moment einer neuen Mordtat erlöst: „Will nicht! Muss!“ Ein Hauch Wozzeck klingt an, wenn Hendrick seinem extrem gelagerten Gesang Glissandi und fast tierhaft klagende Falsett-Töne beifügt. Dies sind die Momente, in denen die Aufführung emotional anrührende Qualität erlangt.

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