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Koskys Uraufführung der Oper „M“ : Warte nur ein Weilchen

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„Warte, warte nur ein Weilchen“, singt der Kinderchor zu Beginn, die Moritat vom Massenmörder Haarmann anstimmend. Unheimlich auch das Pfeifen des Grieg-Motivs „In der Halle des Bergkönigs“, „Erkennungsmelodie“ des Unholds. Schon damals trieb der Volksmund mit Entsetzen Scherz, um das Grauen zu bändigen. Dies tut auch Kosky in seiner Eigenschaft als Regisseur, frönt damit seinem Hang zur Groteske, ohne diesmal allzusehr in Klamauk abzurutschen. Das Beste daran: Er versucht gar nicht erst, mit den Qualitäten des Films, der schauspielerischen Individualisierung seiner Protagonisten, der expressionisch-schattenrisshaften Atmosphäre zu konkurrieren.

Klaus Grünberg hat ihm eine karge, schmale Bühne gebaut, auf der sich verfallene Häuser durch raffinierte Beleuchtungstricks (ebenfalls Grünberg) in schmale Türen mit der Aufschrift „Notausgang“ wandeln können – Fallen, in denen „M“ letztlich gefangen wird. Darunter verbirgt sich sinnfälligerweise die „Unterwelt“ – Verbrecher und Bettler, die, selber Ausgestoßene, parallel zur Polizei den Ausgestoßenen jagen. Sie alle lässt Kosky von stumm agierenden Kindern darstellen, denen er überdimensionale Erwachsenenköpfe aufsetzt (Kostüme: Katrin Kath), vertrocknete, traurige, gemeine, fratzenhafte. Ebenso wird hier die Erwachsenenwelt in ihrer hilflosen Unfähigkeit gezeigt wie die Wahnwelt des „Mörders“, der überall nur Kinder sieht und sich ihre Perspektive aneignet. Und während heute wahrscheinlich niemand seine überbehüteten Kinder in diese Oper des Grauens schicken würde, wird daran erinnert, wie Kinder zumindest der Unterschicht im Berlin der zwanziger Jahre schon kleine Erwachsene waren, mit Not und Elend konfrontiert, aber auch gewitzt, nüchtern und realitätstauglich.

Klischeehaft, und doch wieder nicht

Der politischen Überkorrektheit von heute wird mit der fabelhaft beweglichen und spielfreudigen Kinderkomparserie der Komischen Oper eins ausgewischt, gesprochen im besten Berliner Jargon von Absolventen und Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch. Natürlich werden auch hier Anleihen an Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ deutlich, die Machenschaften von Hakenfinger-Jakob und Münz-Matthias auf der Jagd nach Meckie Messer, während die im Dunkeln tappenden und zum Schluss die Lorbeeren erntenden – allerdings auch eine Lynchjustiz verhindernden – Ordnungshüter ihr satirisches Fett wegbekommen.

Das mag Klischee sein und ist es auch wieder nicht, denn die besorgten, nach Wiederherstellung der Ordnung rufenden Eltern und Nachbarn, die sich steigernde Pogromstimmung berühren überraschend heutig. Insofern kommt das Stück zur rechten Zeit, legt einen Finger in die Wunde des zunehmenden Auseinanderdriftens in „Normale“ und „Wegzusperrende“. Auch die „Totschlagen“-Rufe des Erwachsenenchors (Vocal Consort Berlin) erinnern durchaus an das „Kreuzige“ der Bach-Passionen, setzten auch hier neue Überlegungen durch Klischees in Gang. Eggerts Anspruch an „moderne Oper“ von direkter Zugänglichkeit erfüllt sich, indem er Bekanntes zu Neuem zusammensetzt, das eher im „Banne des Unheimlichen“ steht als sich harmonisch aufhellt. Dass es sich zur Freude des heftig applaudierenden Publikums unterhaltsam gibt, muss kein Mangel sein.

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