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Westernhagen in Köln : Wen genau lieben diese Menschen so?

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Für den Rest der Welt: Der Mann, der nicht für immer „Theo“ bleiben wollte Bild: Brill, Thomas

Ende der Neunziger war Marius Müller-Westernhagen einer der erfolgreichsten deutschen Sänger, der mühelos Fußballstadien füllte. In Köln erlebt man ihn nun nicht nur als Proll-Rocker und Stadion-Profi, sondern auch als altersmilden Spätwerkler.

          Sein Publikum liebt ihn. Man muss das so sagen. Marius Müller-Westernhagen hat eben seinen Neunziger-Hit „Willenlos“ gespielt, und der Jubel in der Köln-Arena will kein Ende nehmen. Es sind etwa zehntausend Menschen, die da johlen, klatschen und „Marius“ skandieren, aber es klingt, als wären es doppelt so viele.

          Später, das Konzert ist längst vorbei, setzt sich das Bild fort: Im Außenbereich des „Henkelmännchen“, einer an die Arena angegliederten Kneipe, die vor und nach jedem Arena-Auftritt das Publikum mit der Musik des jeweils konzertierenden Künstlers bedudelt, spielen sich zur Westernhagen-Musik Szenen ab, wie sie sonst nur in ländlichen Lokalen mit Absturzgarantie zu erleben sind: Menschen tanzen, schunkeln auf Bierbänken, es wird geflirtet, gesungen, gegrölt, getorkelt und getrunken.

          Zwei Fragen aber sind so unvermeidlich wie der Kater nach zu viel Korn (um es halbwegs westernhagenesk zu formulieren): Wen genau lieben diese Menschen so, wenn sie noch stundenlang Lieder wie „Geiler is’ schon“ singen? Denn der ehemalige Schauspieler Westernhagen hat das Leben, was er da nahezu genial beschreibt, freilich selbst nie geführt. Lieben die Menschen mithin den Darsteller eines Milieus, das sie besser kennen als er selbst? Und: Was ist eigentlich mit dem Rest los, der die Liebe dieser Fans nicht teilt? Warum haben so viele Menschen ein so großes Problem mit diesem Mann?

          „Hass mich oder lieb mich“

          Anders als bei anderen Deutschrockern, denen Nichtfans eher gleichgültig gegenüberstehen, wird Westernhagen von vielen Leuten als einigermaßen grauenhaft empfunden. „Hass mich oder lieb mich“, hat er mal gesungen - und so ähnlich hält man es heute tatsächlich mit ihm: Ist es, weil er in den Neunzigern den erklärten Willen, als Star die Massen zu umarmen, so offensichtlich vor sich her trug? Weil er sich oft benahm, als wäre er die Rolling Stones?

          Weil er so unnahbar ist wie eine Auster? Oder hat er sich zu oft mit Gerhard Schröder beim Plaudern über Maßanzüge fotografieren lassen? Denkbar. Ein entscheidender Grund, warum Westernhagen heute von so vielen medialen Meinungsbildnern geringgeschätzt wird, ist wohl schlicht auch der, dass viele, die ihn früher, zu Beginn der Achtziger gern gehört haben und auch als liebenswerten Loser in „Theo gegen den Rest der Welt“ mochten, ihm bis heute nicht verziehen haben, dass er in Wirklichkeit nie dieser Theo war. Fast ein Dylan-Komplex.

          Dabei sollte man ihn für so viel schätzen: Anders als viele Kollegen, hat er sich - zumindest in seiner Frühphase - Betroffenheitslyrik stets verkniffen. Friedenslieder? Westernhagen sang lieber „Ich will keinen Frieden, ich will meinen Krieg“ (im Polizistenmördersong „Ich hab keine Lust mehr im Regen zu stehn“). Sensible Liebeslieder? Im Gegenteil: Der Düsseldorfer zog es vor, den Aufreißer, Zuhälter und Fremdgeher zu spielen. Er spottete über DDR-Musiker, die in der BRD Karriere machten, flirtete mit Punk und suchte, während die meisten Kollegen links-alternative Konsenskost boten, bewusst die Provokation.

          Einer, der alles richtig macht

          Authentizität, seit jeher beliebt bei Kunden zünftiger Rockmusik, war indes nie sein Ding. Sein Publikum sah das freilich ganz anders. Spätestens 1983 sah sich Westernhagen mit der Situation konfrontiert, entweder für immer „Theo“ zu sein - oder den Kurs zu ändern. Er entschied sich für Letzteres. Nach einigen zähen Jahren modelte er sich zum „Armani-Rocker“ um und wurde Ende der Neunziger zum - neben Herbert Grönemeyer - erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger, der mühelos Fußballstadien füllen konnte. Inzwischen hat er, nachdem die Plattenverkäufe in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen waren, sein Spätwerk eingeläutet.

          In der Köln-Arena erlebt man insofern eigentlich drei öffentliche Westernhagen - Proll-Rocker, Stadion-Profi und altersmilden Spätwerkler -, die der dünnhäutige Routinier inzwischen ganz gut unter einen Hut bekommt. Am besten ist er immer dann, wenn er die frühen Rollenprosa-Stücke mit Hilfe seiner international besetzten Band zu stampfendem Arena-Rock aufbläst, der sich meist nach einer muskulösen Stones-Variante anhört. Noch immer schön, wie sehr diese Lieder das Risiko des Missverstehens in Kauf nehmen: Wenn in Freizeithemden gehüllte Männer um die fünfzig inbrünstig die Zeile „Ich bin fertig mit dir“ mitgrölen, ist man geneigt, einiges an aufgestautem Beziehungsfrust zu unterstellen.

          Spätestens bei der Zugabe trägt der Arena-Westernhagen dann doch etwas zu dick auf. Beim Song „Lichterloh“ sind auf der Bühne Aufnahmen der brennenden Twin Towers zu sehen; beim Song „Engel“ wirft er sich in die Arme seiner Backgroundsängerin. Am Schluss stehen natürlich „Freiheit“ und schließlich „Johnny W.“, mit nur zwei Gitarren am Bühnenrand. „Liebt euch!“, ruft Westernhagen, der nunmehr Sendungsbewusste, am Ende. Und: „Liebe ist Macht!“. Dann geht er ab. Vielleicht liebt sein Publikum ihn ja auch deshalb, weil er, ganz gleich, wer er wirklich sein mag, eines ganz sicher nicht ist: Einer, der alles richtig macht.

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