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200 Jahre Oper „Der Freischütz“ : Die Empörung des Textdichters

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Am 20. Februar 1817 berichtete Weber seiner Braut Caroline Brandt in Prag von dem Plan einer neuen Oper, von Friedrich Kind und dem trefflichen, schauerlichen und interessanten Sujet des Freischütz. Zunächst wurde als Titel „Der Probeschuß“ gewählt, später „Die Jägersbraut“. Kind konnte bereits nach zwei Tagen den ersten Akt, nach fünf Tagen den zweiten und am 1. März das fertige Libretto an Weber übergeben.

Zwanzig Dukaten für den Operntext

Nun aber ging es an die Frage des Honorars. Kind schlug Weber vor, ihm „den dritten oder vierten Theil der Einnahmen“ zu geben. Eine derartige Umsatzbeteiligung wäre etwas Unerhörtes, geradezu Revolutionäres gewesen, ganz zu schweigen von der exorbitanten Größenordnung. Weber erwiderte folgerichtig, „dass aber solch ein antheiliges Honorar viele Weitläufigkeiten und Schwierigkeiten, vieles Hin- und Herschreiben zwischen Autor und Tonsetzer verursache“. Er wolle den Text sofort und zur Gänze kaufen, ansonsten begänne er gar nicht mit dem Komponieren. Man einigte sich auf zwanzig Dukaten, die Weber am 3.März 1817 schickte. Damit wurde er für fünf Jahre Eigentümer des Operntextes. Nach dieser Frist durfte Kind das Libretto drucken lassen. Das erschien dann auch erstmals 1822 bei Göschen in Leipzig.

Im Jahr zuvor, am 18. Juni 1821, war die sensationelle Uraufführung der Oper, an der Weber mit Unterbrechungen drei Jahre lang gearbeitet hatte, im neu erbauten Schauspielhaus in Berlin erfolgt. Während Weber mit dem „Freischütz“ einen Erfolg nach dem anderen feiern konnte und dabei ungeheuer viel Geld verdiente, fühlte sich Kind nicht genügend gewürdigt. Weber versuchte zu besänftigen und ließ ihm per Brief zwanzig Taler als Geschenk zukommen. Kind war davon zutiefst beleidigt und wies das Geld schroff zurück. Was folgte, war ein Zerwürfnis, das bis zu Webers Tod 1826 währte.

Bis dahin erlebte der Freischütz 119 verschiedene Inszenierungen, darunter auch Übersetzungen ins Tschechische, Dänische, Ungarische, Russische, Englische und Französische. Durch einen Einnahmezettel, den Weber für die „Euryanthe“ führte, ist bekannt, dass ihm jede Inszenierung durchschnittlich etwa 150 Taler einbrachte. Diese Summe kann man auch getrost für den „Freischütz“ annehmen. Dazu kamen „Sondernachschüsse“ wie jene zweihundert und noch einmal hundert Taler, die ihm für den durchschlagenden Erfolg am Berliner Schauspielhaus gezahlt wurden.

Kein Schutz für Librettisten

Mit den zwanzig Dukaten von 1817, die etwa sechzig Talern entsprachen, war Kind also eindeutig unterbezahlt. Einen Prozess gegen Weber oder die Theater anzustrengen verbot sich ihm als kundigem Juristen von selbst. Librettisten genossen keinen Schutz, sondern waren vom eigenen Verhandlungsgeschick und vom Zahlungswillen des Komponisten abhängig, der wiederum allein mit Theaterintendanten, Agenten und Verlagen über sein Gesamtkunstwerk verhandelte.

Dass sich die Arbeit mit einem Textdichter auch ganz anders gestalten kann, sollte Weber wenig später, 1822, in der Zusammenarbeit mit seiner „Euryanthe“-Librettistin Helmina von Chézy erfahren. Selbstbewusst, erfahren im Umgang mit Verlegern und ausgesprochen durchsetzungsfähig, verlangte sie eine Bezahlung pro Akt, nämlich zwanzig Taler, also zunächst einmal genauso viel, wie Kind erhalten hatte, aber dann forderte sie mit der Begründung, sie habe zahlreiche Nachbesserungen vornehmen müssen, enorme Honorarzuschläge: insgesamt sechshundert Taler. Andernfalls, so kündigte sie an, wolle sie gerichtlich gegen die bereits geplanten Aufführungen (außer der Premiere im Theater am Kärtnertor in Wien) vorgehen. Das hätte zwar wohl keinen Erfolg gehabt, aber viel Ärger verursacht.

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