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Sensibilität für die Natur : Was Musik und Mythos für den Menschen bedeuten

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Wo Richard Strauss die „Alpensinfonie“ schrieb: Wettersteinmassiv mit Alpsptitze und Waxenstein bei Garmisch-Partenkirchen. Bild: Jan Brachmann

Wir sind Bestandteil der Natur. Doch die Menschen heben sich gerne von ihr ab und sehen sich nicht als Teil dieser an. Wie Musik und Mythos zwischen Mensch und Natur vermitteln.

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          Die Edda erzählt von Feuer und Eis, den Welten Muspelheim und Niflheim. Sie reiben sich aneinander und bringen daraus das erste Lebewesen hervor, den Riesen Ymir. Er nährt sich von der Milch der Kuh Auðhumbla, die aus einem salzigen Felsen Búri leckt, den Vater der drei ersten Götter, darunter auch Odin. Die drei töten Ymir und formen aus seinem Blut die Meere, aus seinen Knochen die Berge, die Haare flechten sie zu Wäldern, dem Hirn werden die Wolken entwunden, sein Schädel wird zur Himmelsschale. Am Strand finden die drei Götter zwei Baumstämme. Aus ihnen schaffen sie Ask und Embla, die ersten Menschen. Buchstäblich entstammen sie der Natur. Götter und Menschen werden als Potentiale einer Landschaft verstanden, als Teile eines Ganzen.

          Nach Claude Lévi-Strauss folgt der Mythos einer Logik aus der Erfahrung heraus, einer Logik des Konkreten. Der Sonnenlauf etwa wird aus dem sinnlichen Erleben heraus erklärt, wenn Eos ihren sonnentragenden Wagen über den Himmel lenkt. Dass sich die Erde um die Sonne bewegt, bleibt den Sinnen verborgen. Im mythologischen System können völlig unterschiedliche Elemente allein deshalb in Beziehung gesetzt werden, weil sie übereinstimmende Merkmale aufweisen. Assoziation statt Abstraktion vereint Wahrnehmung und Interpretation. Der Mythos steht der Naturerfahrung des Menschen näher als die komplexen Berechnungen moderner Wissenschaft.

          Der abgehobene Mensch

          Die sinnliche Unmittelbarkeit haben die Mythen mit der Wildnis gemein. Lévi-Strauss nennt es „das wilde Denken“. Während das aufgeklärte Denken nach der Wahrheit sucht, strebt das wilde Denken zur Ganzheit. Eine Ganzheit, die wie die Philosophin Corine Pelluchon danach fragt, wovon wir leben.

          Der Klimawandel offenbart den Einfluss des Menschen auf die Natur. Zumindest in industriebestimmten Gesellschaften verkommt unberührte Natur zum Landschaftsprospekt oder dient als Ausgleich zur Kompensation des Alltags. Bedeutung erhält die Natur nur über eine Symbolkultur, über die Einordnung in eine durchorganisierte Welt. Bedeutung erhält sie nicht auf der Ebene einer unmittelbaren Begegnung. Die Symbole beleben die Landschaft, nicht die Erfahrung. Die Interpretation ersetzt die Wahrnehmung. Die Natur, aus der wir kommen, und die Kultur, die wir pflegen, trennen sich.

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          Nicht die Frage, wie wir leben, sondern die Frage, wovon wir leben, kann Pelluchon zufolge helfen, diesen Dualismus aufzuheben und Ökologie und Existenz wieder zusammenzuführen. Man müsse den Menschen als ein Lebewesen in seiner Umwelt denken, nicht als eines, dass sich von ihr abhebt. Den Anspruch, den Menschen aus seinem Ökosystem heraus zu verstehen, kann in Ansätzen auch die Musik einlösen.

          Natur in der Musik

          Musik umringt ihre Hörer wie eine Landschaft. Sie liegt da als begriffslose Weite, geformt im Verlauf ihrer Klänge. Das gilt ganz besonders für die Symphonien Gustav Mahlers. Seine Musik zeichnet eine Natur von unbändiger Kraft, über den Menschen erhaben, überwältigend, unfassbar, gefährlich. Damit knüpft er an ein romantisches Naturbild an, worin die Natur einen Wert für sich hat. Die Naturerfahrung gilt Mahler als Grundbedingung künstlerischen Schaffens. Kunst kommt eine Kommunikationsfunktion zu. Während die Menschen vom Alltag eingenommen durch Straßen und Gassen eilen, bleibt ihnen die Naturstimme verwehrt. Der Künstler übersetzt ihnen diese Stimme in seiner Kunst.

          Friedrich Nietzsche führt den Beginn der Musik auf die antike Tragödie zurück, deren Inhalte wiederum in den Mythen ihrer Zeit liegen. „Es gibt zwei Zustände, in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, einmal als Zwang zur Vision, andererseits als Zwang zum Orgiasmus“, schreibt Nietzsche. Diese Zustände sind das apollinische Prinzip, das sich im Drang, zu planen und zu gestalten, verwirklicht, sein Medium ist die Sprache, und das dionysische Prinzip, das sich in triebhafter Nacktheit und lärmender Übertreibung findet, sein Medium ist die Musik.

          Mahlers Naturbegriff stellt Dionysos voran. Vor der Kulisse des Höllengebirges komponierte Mahler seine dritte Symphonie. Das Bergmassiv blickte bedrohlich über den Attersee in sein Komponierhäuschen. Von vier kargen Wänden umgeben, war der Komponist allein mit sich und der Landschaft, die er als Ausdruck einer Naturstimme verarbeitete. „Meine Musik ist immer und überall nur Naturlaut“, sagte er.

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