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Münchner Konzertsaal : Wie Bayerns Regierung ein Gutachten verfälschte

Kein Platz für einen Saal von Weltrang? Besser, man schaut sich das Gutachten von Akustik-Papst Yasuhisa Toyota noch einmal gründlich an. Bild: Jan Roeder

Es sollte so schön sein: ein Konzertsaal in München mit Klenzes altem Marstallgebäude als Foyer. Doch das Kunstministerium täuschte die Öffentlichkeit über den Inhalt eines Gutachtens. Was steht wirklich drin? Das erfahren Sie hier exklusiv.

          7 Min.

          Am 11. Dezember vergangenen Jahres erschien im Lokalteil der „Süddeutschen Zeitung“ ein merkwürdiger Leserbrief. Autor: Kurt Faltlhauser, Bayerischer Staatsminister der Finanzen von 1998 bis 2007. Drei Tage zuvor hatte die Bayerische Staatsregierung beschlossen, dass der Konzertsaal für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hinter dem Münchner Ostbahnhof gebaut werden soll, auf einem Grundstück im Eigentum von Werner Eckart, dessen Familie in diesem „Werksviertel“ früher Kartoffelklöße herstellte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gottfried Knapp bewertete das Pfanni-Gelände in der SZ als die schlechteste Lösung von allen in fünfzehn Jahren Debatte diskutierten Optionen, wegen der „Enge des Baugrunds“ und der „miserablen Anbindung“. Postwendend wollte Faltlhauser, Gründer des Vereins Konzertsaal München, diesem Urteil „vehement widersprechen“. Er nannte aber kein einziges Argument. Stattdessen bot er die „Schilderung eines kuriosen Vorgangs“, den die Überschrift des Briefs so zusammenfasste: „Wie der frühere Kunstminister Heubisch zum Standortkiller wurde“. Wenn der Vorgang stattgefunden hat, wie Faltlhauser ihn schildert, ist er als Kuriosum verharmlost. Faltlhauser wirft dem Kunstministerium vor, im entscheidenden Moment der Konzertsaaldiskussion die Öffentlichkeit getäuscht zu haben – über den Inhalt eines von der Staatsregierung in Auftrag gegebenen Gutachtens.

          Klenzes Festsaal als Foyer

          Der Verein Konzertsaal München wurde als Verein Konzertsaal Marstall gegründet. Faltlhauser hatte 2002 die Idee des Architekten Stephan Braunfels aufgegriffen, auf dem Marstallgelände hinter dem Nationaltheater einen Saal zu bauen. Der Marstall ist die 1822 von Leo von Klenze errichtete, 1944 ausgebrannte Hofreitschule. Hinter dem zwanzig Meter breiten Marstall liegt eine dreizehn Meter breitere Freifläche in Staatseigentum. Nach dem Entwurf von Braunfels soll der Konzertsaal auf dieser Wiese stehen. Im Marstall möchte Braunfels den Festsaal Klenzes wiederherstellen, als prächtiges Foyer für den Konzertsaal. Gemeinsam mit dem damaligen Kunstminister Thomas Goppel veranstaltete Faltlhauser einen Ideenwettbewerb für den Marstall, dessen Ergebnisse im September 2007 präsentiert wurden. Den ersten Preis gewann nicht Braunfels, Architekt der Pinakothek der Moderne, sondern Axel Schultes für einen sehr ähnlichen Entwurf, der ebenfalls den Konzertsaal nicht im Marstall, sondern hinter dem Marstall vorsieht.

          Nach der Ablösung Edmund Stoibers durch Günther Beckstein verließ Faltlhauser das Kabinett und gründete den Verein. Die Staatsregierung tat lange nichts. Nach dem Einzug Horst Seehofers in die Staatskanzlei wurde ein Gutachten über die Eignung des Marstallgeländes bestellt. Der Verein schlug den Gutachter vor: Yasuhisa Toyota von der Firma Nagata Acoustics in Tokio.

          Am 11. Mai 2010 unterrichtete Kunstminister Wolfgang Heubisch von der FDP das Kabinett und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse des Gutachtens. Die Pressemitteilung Nr. 47/2010 trägt die Überschrift „Gutachten: Marstall eignet sich nicht als Konzertsaal“. Die ersten beiden Sätze lauten: „Der Marstall in München eignet sich laut Gutachten des renommierten Akustikexperten Dr. Yasuhisa Toyota nicht für einen Konzertsaal von Weltrang. Dies gelte sowohl für eine Konzerthalle im bestehenden Gebäude als auch für einen Neubau an den Marstall.“ Aus der Kabinettssitzung wurde der Minister mit dem Satz zitiert: „Das Ergebnis ist eindeutig, ein Konzertsaal, der höchsten Anforderungen entspricht, lässt sich im oder am Marstallgebäude nicht realisieren.“

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