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„Was ihr wollt“ im Berliner Ensemble : Wenn die Musik des Spaßes Nahrung ist

  • -Aktualisiert am

Singe, wer kann: Thomas Quasthoff als Narr, Veit Schubert als Sir Toby Rülps und Martin Seifert als Sir Andrew in „Was ihr wollt“ in Berlin Bild: Thomas Eichhorn

Küss die Hand, Komödie: Katharina Thalbach inszeniert Shakespeares „Was ihr wollt“ im Berliner Ensemble als leichtfüßig verrückten Witz.

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          Es rauscht vom Tonband, auf die Bühne wird ein bewegtes Meer mit schwimmenden Fischen projiziert, in den vorderen Logen und an der Rampe sind verschiedenförmige riesige Muscheln verteilt. Katharina Thalbach zeigt in ihrer Inszenierung von William Shakespeares „Was ihr wollt“ am Berliner Ensemble von Anfang an alles ganz deutlich - und nimmt Shakespeare in der Übersetzung von Thomas Brasch entschlossen beim Wort.

          Je genauer die Geschichte verankert ist, desto besser kann sich die Handlung entwickeln und einen offenen Raum für die Verwirrung der Gefühle, Gedanken, Gelüste erschließen. Denn daran besteht wahrlich kein Mangel: Die junge Viola hat bei einem Schiffbruch vermutlich ihren Bruder verloren und verkleidet sich als Mann, um in der fremden Umgebung einen Job zu kriegen. Sie verliebt sich in den Herzog Orsino, der sie anstellt und als hübschen Postillon d’amour zur Gräfin Olivia schickt, die er erfolglos umwirbt. Die Gräfin verliebt sich jedoch in Viola, die in Männerkleidung Cesario heißt. Am Schluss taucht der totgeglaubte Sebastian mit dem Seeoffizier Antonio auf, mit dem er sich in der Zwischenzeit vergnügt hat - bis ihn Olivia, die ihn für Cesario hält, verführt.

          Turbulenter Kurs ohne Ziel

          Wer liebt hier wen und warum eigentlich? Und wer ist wer in diesem Vexierspiel der Identitäten? Fragt nicht so viel, scheint die Regisseurin ganz undogmatisch zu verstehen zu geben, das Haus der Liebe hat ja mindestens so viele Zimmer wie das Haus des Theaters. Und Spaß kann man in jedem von ihnen haben. Die Inszenierung ist ein leichtfüßig verrückter Witz, der seinen Tiefgang geschickt zu verbergen weiß.

          Immer wieder macht sich jemand am Steuerrad auf dem runden Schiffsdeck zu schaffen, das der Bühnenbildner Momme Röhrbein als kreisendes Herzogtum Illyrien mitten im stürmischen Meer situiert hat. Getreulich folgen die schwärmerisch entwurzelten Figuren dem turbulenten Kurs, den Shakespeare ihnen vorgeschrieben hat, auch wenn sie nicht wissen, wohin er sie bringen wird. Sabin Tambrea als Viola/Cesario und Sebastian wechselt betörend verzweifelt und tragikomisch zerrissen die Ufer der Geschlechterrollen. Larissa Fuchs spielt den liebeskranken Orsino als zarten wie hemdsärmeligen Hallodri, Antonia Bill die Gräfin als harsch schmachtendes Nervenbündel, Felix Tittel den rauhbeinigen Antonio als kecken Karibikpiraten.

          Begleitet von der „Lautten Compagney Berlin“ wird viel altes und neues Liedgut gesungen, besonders auffällig vom Bariton Thomas Quasthoff als Olivias Narr. Er kommt von hoch oben in einem umgedrehten Regenschirm hereingeschwebt und setzt den Glanzpunkt der tollkühnen Aufführung.

          Am Schluss tanzen alle wie im Traum auf dem halbdunklen Deck, und die Beatles singen leise ihr „All you need is love“ dazu. So hält Katharina Thalbach Shakespeares Komödie fest und lässt sie gleichzeitig los, haut ihr frech auf die Schulter und die Schenkel und küsst ihr dennoch voll Respekt die Hand. So ist ihr ein Herzensstück gelungen. Großer Schlussjubel.

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