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Krise der deutschen Spieloper : Was für Lortzing, Nicolai oder Flotow fehlt

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Natürlich ginge es heute nicht mehr so wie 1955 in der Defa-Verfilmung von Lortzings „Zar und Zimmermann“, aber der Stoff bietet immer noch inhaltliche Brisanz. Bild: INTERFOTO

Warum werden Weber, Lortzing und Flotow kaum mehr gespielt? Warum haftet dem gesamten Genre der Spieloper ein Schmuddelimage an? Die Hintergründe für das Verkümmern eines ganzen Spielplanzweiges liegen außerhalb der Werke.

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          Es hat eine Zeit gegeben, wo von klassikbeflissenen Hörern in einer Art Pawlow’schem Reflex auf das Stichwort „Holzschuhtanz“ sofort die Gegenmeldung „Zar und Zimmermann“ zurückschallte. Albert Lortzings Oper und ihre deftig zufassende Tanzeinlage waren bis in die siebziger Jahre hinein ein Dauerbrenner nicht nur in den deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern, sondern auch für Klassik-Sendungen und Wunschkonzerte, die damals noch per Radio übers Land rieselten. Sogar einen echten – also nicht von der Bühne abfotografierten – Defa-Spielfilm gab es, gedreht 1955 mit Schauspieler-Doubles für alle tragenden Rollen.

          Tempi passati: Die deutsche Spieloper ist längst zum Exoten auch im eigenen Sprachraum geworden, eher Stoff für sentimental kopfschüttelnde Erinnerungen älterer Musiktheater-Freunde als für frische, belebende Erfahrungen. Was nichts mit der aktuellen Corona-Vereisung zu tun hat: Peter Cornelius’ „Barbier von Bagdad“, seinerzeit von Franz Liszt protegiert und uraufgeführt, ist vor vier Jahren in Gießen letztmals auf die Bretter gekommen. Eine Spielzeit später gab es zwei konzertante Aufführungen in Wuppertal, wonach Seifenschale, Rasiermesser und Löffel vorerst wieder abgegeben wurden. Und Katharina, der gezähmten Widerspenstigen, begegnet man neben Shakespeares Original eher in John Crankos Ballett- oder Cole Porters Musical-Adaption als in Hermann Goetz’ Komischer Oper, für die es über die letzten zehn Jahre eine glatte Nullanzeige zu geben scheint. Das liebreizende Biest kann sich nun allenfalls noch im Bühnen-Nirwana mit Lortzings „Waffenschmied“ und dessen „Undine“, die ähnlich lange keine Theaterluft mehr atmen durften, über die guten alten Zeiten unterhalten.

          Ob gutgemeinte, aber in ihrer Wirkung doch eher ernüchternde Aktionen wie Daniel Barenboims Einsatz für Otto Nicolais „Lustige Weiber von Windsor“ (F.A.Z. vom 5. Oktober 2019) etwas an diesem allmählichen, aber inzwischen weit fortgeschrittenen Verdorren eines ganzen Repertoirezweiges zu ändern vermögen? Zu reden ist da von einer Spezies, die landläufig im Sechseck Weber-Lortzing-Nicolai-Flotow-Cornelius-Goetz angesiedelt wird; bei großzügigerer Draufsicht könnte man freilich bis zu den Singspielen Glucks, Haydns und Dittersdorfs zurückgehen und letzte Ausläufer – Pfitzners „Christ-Elflein“ oder Humperdincks späte Bühnenwerke – noch im Umfeld des Ersten Weltkriegs entdecken.

          Ihre gemeinsamen Probleme sind zunächst die Globalisierung des Opernbetriebs, die (im Grunde erfreuliche) Tendenz zu originalsprachlichen Aufführungen und die Erosion der alten Stadttheater-Ensemblestrukturen. In der Summe laufen alle diese Entwicklungen darin zusammen, dass eine bulgarische Sopranistin oder ein koreanischer Bass, die heute in Graz oder Stuttgart, nächsten Monat aber vielleicht schon wieder in Lyon und Stockholm singen, ihr Können an Lortzing & Co. kaum mehr in Anwendung bringen können, sobald sie den deutschen Sprachraum verlassen. Dafür allein lohnt es also kaum, in die Strudel unserer Muttersprache einzutauchen – zumal die oft ausgedehnten Dialogpassagen dafür noch zusätzliche Hürden aufbauen.

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