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Romanadaptionen fürs Theater : Auf der Zauberbergbühne

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Inszenierung am Schauspiel Graz: „Der Zauberberg“ nach Thomas Mann Bild: Lupi Spuma

Die Art, wie wir das Verhältnis von Theater und Romanen betrachten, beruht auf Missverständnissen. Denn tatsächlich sind Romanadaptionen fürs Theater ein großes Glück. Ein Gastbeitrag.

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          Die Geschichte des Romans auf dem Theater ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Eine Geschichte, in deren Verlauf viele böse Worte fielen und noch immer fallen. Wenn ich es richtig sehe, dann zielt einer der Hauptvorwürfe gegen die Adaption von Romanen darauf ab, dass durch sie die dramatische Kunst zu verschwinden drohe, dass das Theater seines Wesens beraubt, gleichsam entkernt werde, um im Einerlei popkultureller Beliebigkeit als Verwertungsschleuder für allerlei Material zu dienen. Seine eigentlich historisch-kulturelle Bezugsgröße, das Drama, der kunstvoll gebaute Dialog, die meisterhaft konstruierte Handlungsführung mittels des gesprochenen Wortes, scheint dem Theater dadurch verlorenzugehen.

          Damit wird ein erstes Missverständnis berührt: Es betrifft die Art und Weise, in der wir gewohnt sind, das Verhältnis von Theater und Text zu betrachten. Aufgewachsen mit der heiligen Gattungstrias von Lyrik, Epik und Dramatik, sind wir seit Schulzeiten gewohnt, das Theater als eine Bebilderungsanstalt jener gelben Reclambändchen zu verstehen, deren Cover wir im Deutschunterricht mit Kritzeleien, ungelenken tags und der unvergessenen Umgestaltung des ikonographischen Schriftzugs Reclam zu Reclam the streets versahen.

          Wir hatten also schon verstanden, dass eine Differenz bestand zwischen diesen ewig gleichen gelben Bändchen und unserer unverschämten Aneignung des hochkulturellen Erbes mittels Kugelschreiber und Fineliner. Dass diese Aneignung rein äußerlich war und sein musste, war uns egal. Wir waren begeistert, dass im Bezug auf das, was zwischen den gelben Umschlagblättern verborgen war, unsere Meinung gefragt war. Wir lernten die heilige Kunst der Interpretation, und im Laufe der Jahre lernten wir auch, sie zu verwechseln mit Aneignung. Unwissend, dass sich die Interpretation zur Aneignung ungefähr so verhält wie Sex zur Paartherapie.

          Dass das Wesen des Theaters vor allem die lyrisch-sinnliche Aneignung eines narrativ-epischen Kontextes ist und das Drama eben zunächst einmal das literarische Ergebnis dieser Aneignung, das wurde mir in Inszenierungen, die den verbürgten Dramentext unterschiedlich in Gebrauch nahmen und sich dabei in etwa so zu ihm verhielten wie unsere Kritzeleien auf den Reclam-Heftchen, zu wenig deutlich. Für mich ist der aufgeschriebene Text das Resultat einer sprachlichen Handlung und nicht umgekehrt. Das Stück besteht also aus der Sprache und nicht für diese. So viel zum ersten Missverständnis.

          Der Zauber des Romans ist das Atmosphärische

          Das zweite Missverständnis betrifft uns Theaterleute und ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Romanadaptionen die Zuschauer oft unbefriedigt zurücklassen. Es besteht in der Tendenz, aus Romanen Readers-Digest-Versionen für das Theater zu machen und damit zielgenau den Kern dessen zu verpassen, was der Roman als Chance für das Theater bedeuten könnte. Diese Chance besteht darin, eben nicht alles dem Primat des Sagbaren und Interpretierbaren zu unterwerfen.

          Der Zauber des Romans ist das Atmosphärische, das sich herstellt durch ein Lesegefühl. Dieses Gefühl zu verstehen und mit den Mitteln des Theaters zu ergreifen, gleichsam in die lyrische Dimension zu übersetzen, ist die Aufgabe eines adaptierenden Regisseurs. Eine abgespeckte, auf die plot-relevanten Dialoge und Beschreibungen reduzierte Romanadaption muss zwangsläufig gegen das literarische Werk verlieren, wenn sie nicht das außersprachlich Atmosphärische aufgreift und ihr eigenes Wesen gegen die epische Kraft des Romans behauptet.

          Es ist gerade die Unmöglichkeit, alles in gesprochene Worte zu fassen, es ist der Zwang zum Weglassen, das Wissen um die überbordende epische Grundierung, die jeder Romanadaption zugrunde liegen muss, wenn sie faszinieren will. Der überbordende Roman zwingt uns zum Ungesagten, zum Hintergrundrauschen, zum Bild, zur Musik, zum Körper.

          Es ist paradoxerweise seine außersprachliche Wirkung, die uns im Kern wieder auf das Wesen unserer Kunst zurückwirft und uns so die Befreiung von der Interpretation ermöglicht, uns zur Aneignung zwingt. Ausgerechnet die Masse des Wortes und die Unmöglichkeit, es erschöpfend zu fassen, ermöglichen beim Roman die Fokussierung auf das Theater, wohingegen das Drama immer die Fokussierung auf sich selbst und die Sprache fordert.

          Der Roman schließt uns die Innenwelt des Autors und seiner Figuren in einem Maße auf, dass wir darin genug Raum für unser Theater finden. Es sind diese Innenräume, die uns als Bühne unseres Spiels dienen und die wir mit der Kraft unserer Kunst verwandelt auferstehen lassen. Und das Wesen dieser Kunst ist nicht die Bebilderung von Text, sondern Weltaneignung. Eine Romanadaption ist eben nicht nur das Abbild ihrer Erscheinung und sollte sich nicht dazu machen lassen. Darin liegt ihre emanzipatorische Kraft für das Theater.

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