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Fragen Sie Eleonore Büning : Kann man Musik missverstehen?

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Für den „Spiegel“-Kritiker Klaus Umbach unmusikalisch und unverständlich: Anna Karger im Januar 1997 in der Titelpartie von Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Hamburger Staatsoper Bild: Picture-Alliance

Jedes Missverständnis hat seinen Grund, und hinter fast jedem steckt eine Absicht. Über Wagners Hass auf Mendelssohn, Strawinskys Abneigung gegen Vivaldi – und den Mut zur Meinung, der das Missverständnis riskiert.

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          Selbstverständlich. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich zu irren, in jeder Sprache der Menschheit. Die Musik macht da keine Ausnahme. Aber auch in der Musik gilt die Faustregel: Es gibt für jedes Missverständnis einen Grund, und hinter fast jedem steckt eine Absicht.

          Irrtümer entstehen selten aus reiner Arg- und Ahnungslosigkeit oder im Stillepostverfahren. Wer grundsätzlich bei Rot über die Ampel geht, der tut dies aus einem privaten Revoluzzertum heraus, nicht, weil er farbenblind ist. Und was ist mit dem, der die vier Symphonien von Brahms für vier Maulwurfshügel hält oder das Tristanvorspiel für einen Coitus interruptus? Ist so ein Mensch total unmusikalisch? Tritonusresistent? Hasst er Wagner? Barenboim? Hier wird es erst richtig interessant.

          Komponisten-Kritik hat immer einen Hintergrund

          Zunächst: die Komponisten. Wenn da einer den anderen missversteht, gibt es dazu immer einen Subtext. Hugo Wolf, zum Beispiel, regte sich auf über die Symphonien von Brahms aus tiefer Verehrung für Bruckner. Wagner hasste Meyerbeer und Mendelssohn, weil er so viel von den beiden profitiert und abgeschrieben hatte. Hanns Eisler mokierte sich, wenn er mit Gästen feierte, am Klavier über Wagners unauflösbare, nie zum Ende gelangende Vorhaltsharmonik, um an die formbildenden neuen Lehren seines Mentors Arnold Schönberg zu erinnern.

          Aus dem gleichen Grund erklärte der forsche Adorno, in den Symphonien von Sibelius seien mehr Löcher zu finden als in Finnland Seen. Strawinsky schalt Vivaldi drittklassig auf dem Weg zum Neobarock, Tschaikowski, unterwegs zu den Rokokovariationen, fand Händel viertklassig und so fort. Das ist leicht zu durchschauen, und selbst wenn die Komponisten solcherlei Idiosynkrasien aggressiv in Musikkritiken verbreiten, so richten sie damit weiter keinen Schaden an. Wagner ausgenommen.

          Oft wird das Gegenteil bewirkt

          Dann: die Musikkritiker. Die irren sich auch öfters, doch die Sache liegt komplizierter. Denn das Sich-nicht-irren-Dürfen und Stets-die-Wahrheit-Schreiben gehört essentiell zur Arbeitsplatzbeschreibung eines Kritikers dazu. 1971 wollte der Kritiker von „Sounds“ die Gruppe Emerson Lake & Palmer als „Pop-Karajans“ entlarven, wegen ihres Mussorgski-Raubzugs „Pictures at an Exhibition“. Zu glatt, zu erfolgreich, zu rückständig! Kein klassisches Missverständnis, eher ein politisches Ressentiment, das freilich folgenlos blieb, mehr noch: Das Aufblühen der Crossover-Mode hat dann dieses Missverständnis alsbald ganz aus der Welt geschafft.

          Im Jahr 1997 erklärte der Kritiker des „Spiegels“, Klaus Umbach, in Hamburg eine Oper von Helmut Lachenmann für „Ramsch“. Dieses „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ sei unmusikalisch und unverständlich. Zu geräuschhaft, zu fortschrittlich! Man sehne sich im Parkett zurück nach „Es-Dur, Dreiklang und Kontrapunkt“. Eine donnernde, glanzvolle Polemik in sechs Spalten, die jede Menge Staub aufwirbelte. Ein blutiger, grandios formulierter Verriss. Inzwischen ist Lachenmanns „Mädchen“ zu einem Publikumsmagneten geworden, überall nachgespielt, es gibt zwei Gesamtaufnahmen. Und Lachenmann selbst komponierte neulich, wie als Replik, einen goldglänzenden Schmachtfetzen, mit viel Dur drin, vielen Dreiklängen und sogar ein bisschen Kontrapunkt, meisterhaft instrumentiert, zitatenprall, rhythmisch leuchtend, harmonisch prickelnd, ein Riesenspaß. Uraufgeführt wurde dieser „Marche fatale“ am 1. Januar in Stuttgart. Und sofort gab es eine Diskussion darüber, ob Lachenmann nunmehr vom Saulus zum Paulus und verrückt geworden sei.

          Klaus Umbach hat sich daran nicht mehr beteiligt. Er ist am 28. Januar in Köln gestorben. Damit ist eine musikkritische Stimme aus der Welt verschwunden, für die es keinen Ersatz gibt. Ja, schon seit 2007, als Umbach beim „Spiegel“ aufhörte, liest man keine glanzvoll formulierten Musik-Polemiken mehr in diesem Magazin oder anderswo, die Staub aufwirbeln könnten. Wir Musikkritiker haben uns vom Verreißen mehr auf das Loben verlegt, wir loben nur noch in kleiner Münze, kleinen Meinungen. Umbach dagegen, der den großen Diskurs suchte, schuf auch der Musik die große Lesebühne, er riskierte Meinung, auch auf die Gefahr hin, sich zu irren. Ohne den Irrtum gäbe es keine Wahrheit. Die Sprache der Musik braucht das. Wenn sie denn überhaupt eine Sprache ist. Dazu aber ein andermal.

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