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Zeitgenössisches Theater : Eine Quote für neue Dramatik!

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Zeitgenössisches Theater gehört auf die große Bühne – wie die des Staatstheaters Wiesbaden Bild: Klein, Nora

Nicht nur das alte, auch das neue Drama lebt: Ein Aufruf zur Stärkung der zeitgenössischen Dramatik.

          5 Min.

          Das Drama bebt und erschüttert immer wieder das Verhältnis von Autor und Regie. Und nicht nur das. Auch die Gräben zwischen Postdramatik und „Well-made Play“ sind tief. Textflächen werden gegen das Dialogische ins Feld geführt. Intellekt gegen Emotion, Diskurs gegen Erzählung. Innerhalb der Dramatik geht es absurderweise immer wieder um Abgrenzung. Dabei schöpft gerade die Dramatik ihren Reichtum aus der Vielfalt der Formen. Während in der F.A.Z.-Serie „Spielplan-Änderung“ der Blick auf vergessene Theaterstücke gelenkt wird, die wieder gespielt werden sollen, wird zeitgenössische Dramatik kaum noch gelesen.

          Dabei passen Umfang und Form eigentlich perfekt in unsere Hocheffizienzgesellschaft. Theaterstücke erinnern in ihrer Geschlossenheit an Kurzgeschichten, in ihrer Komplexität an Romane, in ihrer Sprache an Lyrik und in ihrer politischen Dichte an Essays. Das Drama ist nicht weniger als ein literarisches Gesamtkunstkonzentrat. Und trotzdem ist es immer seltener in einer Buchhandlung zu finden. Weil kaum noch jemand Dramatik liest und kaum noch ein Verlag sie druckt. Das Drama lebt aber trotzdem – jenseits der Bücher. Und zwar als fleischgewordene Sprache im Theater. Dramatik und Theater sind nicht voneinander zu trennen. Das Drama wird ausschließlich für das Theater geschrieben. Dramatik ist nicht linear, sie lässt die Sprache mit dem Körper kollidieren. Sie braucht den Widerstand und denkt ihn mit. Sie kann im Entstehen nur ahnen und niemals wissen, was passiert, wenn ihr Text auf Körper trifft.

          Ist zeitgenössische Dramatik zu komplexeren Erzählungen nicht in der Lage?

          Die Digitalisierung nimmt gerade Dimensionen an, die unsere Vorstellungskraft schneller übertreffen, als wir der Wirklichkeit folgen können. Das Lesen von Büchern nimmt ab, das Hören und Sehen bewegter Bilder zu. Austausch findet primär über glatte Displays statt. Die Sehnsucht nach physischer Gemeinschaft wächst. Auf einmal hat die Dramatik ihren Schwestergattungen eindeutig etwas voraus: Sie wird geschrieben, um gesprochen, gehört und gesehen zu werden. Sie hat schon immer – wie die Religion und der Sport – das gemeinschaftliche Erleben zum Kern ihrer Identität gemacht. Die Sehnsucht nach Echtheit wächst mit dem Fortschreiten digitaler Kunstwelten. Trotzdem hat die zeitgenössische Dramatik derzeit keinen leichten Stand. Selbst an den Theatern nicht. Das klassische Drama wird als altmodisch wahrgenommen, die Postdramatik löst sich zunehmend im Performativen auf. Stadtteilprojekte, Recherchen, Bürgerbühnen und offene Formate reagieren schneller und politischer. Die Regie schreibt immer öfter selbst den Text. Das Vertrauen in das Miteinander von Regie und Dramatik schwindet.

          Dabei gibt es beim Publikum eine große Sehnsucht nach Erzählungen. Nach tragischen Konflikten. Nach Gesprächskatalysatoren. Doch absurderweise wird danach nicht primär in der Dramatik gesucht, sondern im Roman. Ist zeitgenössische Dramatik zu komplexeren Erzählungen nicht in der Lage? Es wirkt fast so, wenn man die Spielpläne der Theater betrachtet. Dabei ist das ein Missverständnis. Weil die neue Dramatik natürlich in der Lage ist, große Erzählbögen zu schlagen. Sie wurde aber schon sehr lange nicht mehr dazu aufgefordert. Fast jede Uraufführung der letzten zehn Jahre fand auf kleinstmöglichen Bühnen statt. Irgendwann, nach vielzähligen Strichfassungen, schrieben die beengten Bühnenverhältnisse und minimalen Figurentableaus sich von selbst mit in die neuen Stücke rein. Dadurch entstanden zahlreiche „kleine“ Theaterstücke. Zwei bis vier Personen.

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