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Porträt über Deirdre Kinahan : Die Sünde zählt, nicht der Sünder

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An den Extremen, Rändern und Abgründen interessiert: Die irische Dramatikerin Deirdre Kinahan, fotografiert im Dubliner Abbey Theatre Bild: ddp

Königin der Schmerzen: Warum die irische Dramatikerin mit ihren Stücken über Vergewaltigungsopfer, Transgenderfragen und Familientraumata auf die deutsche Bühne kommen muss.

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          Der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams hat einmal gesagt: „Wenn ich meine Dämonen los würde, würde ich meine Engel verlieren.“ Kein Satz könnte die conditio humana der Figuren im Werk der irischen Dramatikerin Deirdre Kinahan besser beschreiben – alle sind geprägt durch die Verletzungen, die sie in ihrer Vergangenheit erfahren haben, die ihre Gegenwart bestimmen oder ihre Zukunft verhindern. Und gleichzeitig wohnt ihnen allen eine unbestimmte Hoffnung inne, dass jede negative Erfahrung immer auch etwas Positives bewirken kann, sozusagen die Umkehrung des adornoschen Verdiktes: Es gibt vielleicht doch ein Richtiges im Falschen.

          Kinahan, geboren 1968 in Dublin, ist im deutschsprachigen Raum bislang nahezu unbekannt – obwohl sie schon seit 1999 Stücke schreibt, mittlerweile sind es an die 30. Zum Schreiben gekommen ist Kinahan, die seit 1998 im irischen County Meath mit Ehemann und zwei Töchtern lebt, durch einen Zufall: Sie war, wie sie im Interview erzählt, eine aufstrebende junge Schauspielerin, die nebenher bei einer Organisation arbeitete, die für die Prostituierten Dublins Kurse in Literatur und Computerskills anbot. Dies sollte ihnen die Chance geben, ihren Berufsstand zu wechseln. Als die Frauen die Schauspielerin Kinahan auf der Bühne erlebten, fragten sie, ob sie nicht ein Stück über sie und für sie schreiben könne – so entstand BÈ CARNA (der alte gälische Begriff für Prostitution), ein Stück, bestehend aus fünf Monologen über die Schicksale der leichten Frauen.

          Schwerpunkt auf dem Familienleben

          Kinahans Stücke sollten auch nach ihrem Debüt weiterhin heftige sozialkritische Themen berühren: „Passage“ (2001) erzählt die Geschichte der lesbischen Karrierefrau Kate, die sich mit dem Tod ihrer Mutter und somit ihrer irischen Vergangenheit auseinandersetzen muss – Familie ist bei Kinahan immer ein den Menschen determinierender Raum, dessen Traumata stets auch etwas mit der nationalen Historie zu tun haben. So nimmt es kaum wunder, dass eines der Vorbilder der Autorin der (leider hierzulande auch viel zu selten gespielte) irische Dramatiker John Millington Synge ist, der mit „Playboy of the Western World“ sozusagen den unheldischen Helden für die Dramenliteratur erfunden hat (legendär bis heute ist Peter Palitzschs Inszenierung aus dem Jahre 1948 am Berliner Ensemble). Ihm hat Kinahan mit „Attaboy, Mr. Synge!“ (2002) ein neueres Denkmal gesetzt – vielleicht auch, weil Synge mit „Deirdre, Königin der Schmerzen“ der Autorin selbst avant la lettre unwissend ein Stück und eine Prämisse geschenkt hat. Und sein Zitat „Ich erinnere mich der Dinge, die ich vergessen will, und vergesse die, die ich nicht vergessen will“ könnte auch von einer Figur Kinahans stammen.

          Engagierte Theatermacherin

          Der Blick auf die Stücke Kinahans lohnt sich auch, weil sie bei jeweiliger Ähnlichkeit in den Sujets formal doch sehr unterschiedlich sind: Das geht vom zarten Kammerspiel „Melody“ (2005), das eine skurrile und doch zärtliche Begegnung auf einer Parkbank schildert – sozusagen die positive Variante von Edward Albees „Zoogeschichte“ – über das komplexe Werk „Bogboy“ , ein Stück über die IRA, erzählt in verschachtelter Briefform mit Flashbacksequenzen, bis zum großen Jahrhundertgemälde „Crossing“ (2018), das eine englische Dorfgemeinschaft von 1919 bis 2019 abbildet. Alle Stücke der Autorin sind beim Londoner Verlag Nick Hern Books verlegt, deutsche Übersetzungen gibt es bisher kaum. Dabei sind viele ihrer Werke inzwischen preisgekrönt. Die Autorin selbst ist eine sehr engagierte praktische Theatermacherin – so hat sie unter anderem die Tall Tales Theatre Company gegründet und ist Mitglied beim Theatre Forum Ireland & The Abbey Theatre.

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