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Ballett an der Pariser Oper : Seufzer ausstoßen, Tänzerhaufen bilden

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Eine Ästhetik ohne Zukunft: Das Ballett der Opéra National de Paris in der Wiederaufnahme von William Forsythes „Blake Works“ Bild: Avant toute utilisation, demande

Schwache Vorstellung: Die Saisoneröffnung des Balletts der Pariser Oper enttäuscht. Sie ist Symptom der Innovationskrise, die die gegenwärtige Generation der Ballettdirektoren erfasst hat.

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          Eine Beschäftigung an der Pariser Oper erfordert die Fähigkeit zum gleichmütigen Umgang mit höfischen Ritualen und Intrigen. Setze nicht einen Fuß in dieses Haus, wenn du nicht gewillt und in der Lage bist, das Spiel zu spielen. Im Falle des Letzten, der vorzeitig aufgab, im Fall also des durch die Schule des „New York City Ballet“ und von Hollywoods Filmindustrie gegangenen Franzosen Benjamin Millepied, schien seine Prominenz ihn vor diplomatischen Attacken beschützen zu können. Dass an seiner Seite mit Natalie Portman ein Hollywood-Star steht, ließ seine Aura noch heller strahlen. Aber dann kam bereits nach einem Jahr das Aus für ihn. Im Oktober 2014 war er angetreten, im Februar 2016 ging die Ära Millepieds zu Ende. Seine entschiedene Erneuerung der Tanzböden zum Schutz der dreihundertacht stark beanspruchten Füße des Ensembles wurde als nicht ausreichende Initiative empfunden. Im Licht der schockierend abrupten Kündigung sah seine schwache Programmation trotz aller eleganten und fürsorglichen Absichtserklärungen aus wie ein zerschlissener Theatervorhang bei Sonne.

          Drei Jahre später meinte jetzt zum Saisonauftakt Millepieds Nachfolgerin Aurélie Dupont, mit „Blake WorksI“ just jenes Stück wieder auf den Spielplan setzen zu sollen, an dessen Premierenfeier das zerrüttete Verhältnis ihres Vorgängers zum Opernintendanten Stéphane Lissner unverhohlen zutage getreten war. William Forsythe war von Millepied zu seinem künstlerischen Associé ernannt worden und hatte „Blake Works I“ geschaffen, uraufgeführt im Juli 2016 zu Musik des Popstars James Blake und gefeiert wie dieser. Gleichwohl fiel Forsythes Position mit der von Millepied: Es hieß für beide Koffer packen.

          Würde es jemand anderes besser machen?

          Ausgerechnet bei der Premiere jenes Ballettabends war es vor drei Jahren zu offenbarungsgleichen Szenen gekommen. Eine Choreographie zerrütteter Beziehungen hätte nicht dramatischer wirken können als die Premierenfeier-Auftritte des Intendanten und seines Soon-to-be-Ex-Ballettchefs. Während Lissner den von ihm hinausgedrängten „Benjamin“ lobte, drehte dieser seinem Noch-Intendanten und der versammelten gespannten Gesellschaft ostentativ den Rücken zu. Ungerührt angesichts dieser Demonstration der Verachtung küsste Lissner Millepied schließlich noch dreimal auf die Wangen, um die Demütigung perfekt zu machen.

          Das Kuriose ist, dass man über Aurélie Duponts Programmierung nicht wirklich Besseres sagen kann als über Millepieds Spielpläne. Drei Jahre nach dem Eklat spielt sie wieder „Blake WorksI“, allerdings in Kombination mit einer unbedeutenden, effekthascherischen Uraufführung. Dupont war im Unterschied zu Millepied eine Étoile des Ensembles, das sie nun leitet, wie vor ihr die von Gérard Mortier ernannte Langzeitballettdirektorin Brigitte Lefèvre. Kritik an Dupont wird absolut nicht laut. Was auch sollte das Ergebnis sein – würde man die nächste Kurzzeit-Direktion vorzeitig beenden wollen? Und wer sollte dann ihr Nachfolger werden? Würde es jemand anderes besser machen?

          Die dreihundertfünfzig Jahre alte Institution scheint in einer inhaltlichen Krise zu stecken. Im Kartenverkauf schlägt sich das freilich nicht nieder. In einer Stadt wie Paris, vor deren Museen stundenlang Schlange steht, wer nicht online einen Einlass-Slot reserviert hat, ist es vermutlich auch fast egal, was das Ballett tanzt, ähnlich wie in Dresden in der Semperoper. Als Millepied Direktor wurde, bestürmten die Leute die Kassen und fragten, wann denn Natalie Portman wieder in „Schwanensee“ tanzen würde – weil sie in dem Thriller „Black Swan“ eine Tänzerin gemimt und ihr Double verschwiegen hatte.

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