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„Walküre“ in Köln : Auf einen Schnaps mit Wotans Töchtern

  • -Aktualisiert am

Das „Theaterkind“ heißt „Malte Finkelberg“ und in Wirklichkeit Robin Jentys. In der fiktiven Inszenierung spielt er die Walküre Waltraute. Außerhalb der „Proben“ fährt er mit dem Rollstuhl über die Flure und fragt die Gäste freundlich nach ihrem Namen. Bild: Matthias Koslik

Zombies, lebendige Dioramen, intime Bekenntnisse, eine Armee lebensgroßer Skelettkrieger: Diese Kölner „Walküre“, sehr frei nach Richard Wagner, ist ein immersives Gesamtkunstwerk. Und eines, das begehbar ist.

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          Schon mein Weg zum „Heidi’s am Offenbach“, so der Name des fiktiven Schauspielhauses, das eigens für diese außergewöhnliche Produktion erschaffen wurde, gleicht einem Walkürenritt. Rettungswagengeheul gellt wie die Schreie der neun Töchter Wotans durch regennasse Kölner Stadtstraßen. Ich irre durch schwarz-dunkle Gassen, bis ich endlich vor einem unscheinbaren Hintereingang stehe. Mit mir eine Handvoll anderer Zuschauer. Punkt zwanzig Uhr öffnet sich die Tür. Premierenbeginn.

          Ein italienisch sprechender Mittelalter-Metall-Zombie bittet uns freundlich herein, und dann sitzen wir schon – selbstverständlich im korrekten Sicherheitsabstand – in einer „Bar“, wenn man das Achtziger-Jahre-Eiche-Rustikal-Interieur so nennen mag. Passender Retro-Sound (Jacob Suske) erklingt im Hintergrund, dann gesellt sich eine weitere, weibliche „Zombine“, vielleicht ja: Albtraum-Walküre, dazu und tanzt einen Lapdance an der Stange. Daneben die „Dramaturgin“ des Hauses: „Katya Neidinger“ (Jens Urbańczyk-Lassak). Und weil wir schon mal an kleinen runden Tischchen Platz genommen haben, Partyhut und Rachenputzer-Schnaps inklusive, hat sie Zeit, den Zweck unseres heutigen Daseins zu erklären: Man arbeite an einer Inszenierung der „Walküre“ von Richard Wagner und freue sich, jetzt exklusive Einblicke geben zu können. Uraufführung sei dann aber erst am 11. Februar 2021, das hervorragende, bunt gemischte Ensemble „so farbenfroh, wie der rumänische Sommer“. Bevor wir dann wirklich starten, ergänzt sie: „Zur Toilette gehen Sie bitte nur allein. Oder mit mir.“

          Was jetzt kommt, ist zu viel für einen Menschen. Und einen Abend. Denn in den folgenden rund drei Stunden wird man von den Walküren-Zombies durch das Haus geführt, macht Station vor lebendigen Dioramen, die Wagner-Motive metareferieren (etwa Menschenaffen, die auf Ebern reiten); wir besichtigen das Fitness-Studio des „Heidi’s am Offenbach“, treffen in der Kantine einige der Darsteller zum Plausch, weitere dann in ihren Garderoben, wo sie uns wie bei einer WG-Party Schnaps in Plastikbechern und Würstchenspieße anbieten. Natürlich sehen wir auch einen Teil der „Proben“ im großen Saal.

          Doch zunächst muss ich mit meiner kleinen Gruppe im Vorraum warten. Eine der Walküren spricht mich an, als ich das „Diorama“ beschaue: „Was ist dein Albtraum, Thomas?“, fragt sie. Und ich antworte so spontan wie von mir selbst überrascht: „Jemanden zu enttäuschen!“ Dann fragt sie meinen Sitznachbarn Paul. Und auch der antwortet so unvermittelt wie ehrlich im Angesicht eines Eisbären mit kaputtem Telefon: „Ich habe Angst, den Hörer abzunehmen und mit einem Menschen sprechen zu müssen, den ich enttäuscht habe.“ Fast wie eine Gruppentherapie-Sitzung. Ob ich mitmache, ist natürlich meine Sache. Aber wenn ich schon mal da bin – warum nicht? Und das ist auch eine Bedingung dafür, dass man etwas mitnimmt, von dieser höchst speziellen „Walküre“, „frei nach Richard Wagner“. Ich frage zwischendrin einen Mit-Zuschauer, ob es ihm gefällt: „Kann ich erst hinterher sagen“, sagt er und lacht. „Aber ich habe riesig viel Spaß.“ Das scheint auch für viele andere meiner Mitstreiter zu gelten.

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