https://www.faz.net/-gqz-6l9tp

Wagners „Walküre“ : Meister Wotan und sein Pumuckl

  • -Aktualisiert am

In der Waberlohe: Brünnhilde wartet auf ihre Errettung durch Siegfried Bild: dpa

Selten war Wagner so verständlich, tiefgründig und lebendig wie hier: Vera Nemirovas Inszenierung der „Walküre“ bringt das Großunternehmen des neuen Frankfurter „Rings“ auf einen vielversprechenden Weg.

          Das Erbe, das man die junge Vera Nemirova an der Frankfurter Oper als Regisseurin eines neuen „Ring des Nibelungen“ antreten lässt, hat es in sich. Die legendäre Wagner-Deutung von Ruth Berghaus und Michael Gielen liegt zwar schon fünfundzwanzig Jahre zurück - sie hat sich jedoch nicht nur dem Frankfurter Publikum tief in die Erinnerung eingegraben. Zehn Jahre später setzte die aus Brüssel übernommene Produktion von Herbert Wernicke und Sylvain Cambreling Maßstäbe. Immer wieder hat es sich gezeigt, dass selbst gestandene Regisseure mit ihren planvoll ausgedachten Konzepten an der Größe und an der Vieldeutigkeit des „Rings“ einfach abprallen können. Und auch der Auftakt, den Vera Nemirova in Frankfurt vergangene Spielzeit mit dem „Rheingold“ machte (Richard Wagners „Rheingold“ an der Frankfurter Oper: Sebastian Weigle und Vera Nemirova schmieden einen neuen „Ring“ ) wirkte trotz einzelner eindringlicher Momente noch ein wenig unentschlossen: so, als hätte sich die Regisseurin - eine bekennende Schülerin der Berghaus wie auch Peter Konwitschnys - in der Flut munter hervorsprudelnder Einfälle verzettelt.

          Mit der „Walküre“ aber scheint das Großunternehmen des neuen Frankfurter „Rings“ jetzt auf einem vielversprechenden Weg. Nemirova, deren Inszenierungen in der Vergangenheit vor allem von einer blühenden szenischen Phantasie zeugten, weniger jedoch vom Vermögen, diese im Sinne einer schlüssigen Deutung zu bündeln, zeigt hier ihre bislang konzentrierteste Regiearbeit. Sie verzichtet auf alle Mätzchen, wie sie etwa zuletzt ihre Salzburger „Lulu“-Inszenierung torpedierten (siehe Salzburger Festspiele: Lulus Lust ist die Musik), und vertraut ihrem wahren Talent: der Fähigkeit, das Beziehungsgeflecht zwischen den agierenden Personen szenisch im besten Sinne detailversessen und ungemein spannungsvoll lebendig werden zu lassen. Bis in kleinste Gesten hinein leuchtet sie die Psychologie der Figuren aus und lässt so sichtbar werden, was sonst nur die Musik verrät: dass nämlich die Handelnden bei Wagner immer längst mehr übereinander wissen, als sie in Worten offenbaren.

          Atemberaubend gerät so schon im ersten Aufzug die Begegnung des Zwillingspaars Siegmund und Sieglinde, deren erotischer Magnetismus sich in kleinsten Gesten, in jedem Blick, in jedem plötzlichen Innehalten der Bewegung ausdrückt. Eva-Maria Westbroek hat den Zwiespalt der zwischen jäh hochschießenden Hoffnungen, schlagartiger Verfallenheit und Angst hin und her gerissenen Sieglinde bis in die feinsten körpersprachlichen Regungen hinein verinnerlicht. Unter welchem Zwang sie im Haus ihres Ehemanns Hunding steht, welche Knechtschaft sie dort erleidet, wird so schon lange vor dessen erstem Auftritt sichtbar. Und sie legt dieses rastlose Wechselspiel der Gefühle - Töne eines tollkühnen Begehrens, der geschwisterlichen Zärtlichkeit, eines verwegenen Mutes und der nachzitternden Traumatisierungen - auch in alle Facetten ihres farbenreichen, kräftigen Soprans. Frank van Aken ist ein naiv heldenhafter Siegmund, mit einer melodiösen, durchdringenden tenoralen Höhe, während die Stimme in den tieferen Registern manchmal ein wenig Glanz vermissen lässt. Die Liebe zwischen beiden: ein kindlich verlorenes, schutzloses Ungestüm, dem sich der stählerne Hunding von Ain Anger wie die personifizierte Gewalt entgegenstellt.

          Weitere Themen

          Der Kollaborateur am Klavier

          Rechte Gesinnung in der Musik : Der Kollaborateur am Klavier

          Blut, Wollust und Tod als politische Poesie: Alfred Cortot hätte als großer Pianist in Erinnerung bleiben können. Aber er stellte sich in den Dienst des Okkupationsregimes in Frankreich. Die Franzosen haben ihm das lange nicht verziehen.

          Muss das weg?

          Koloniale Raubkunst : Muss das weg?

          Soll man die ethnologischen Museen räumen? Was ist da drin? Und wo schickt man die Stücke hin? Antworten auf wichtige Fragen zur Restitutionsdebatte.

          Saoirse Ronin hatte Angst vor ihrer Rolle Video-Seite öffnen

          Kinofilm zu Maria Stuart : Saoirse Ronin hatte Angst vor ihrer Rolle

          Maria Stuart gehört wie Elizabeth I. zu den bekanntesten Figuren der britischen Geschichte. Der Film "Maria Stuart - Königin von Schottland" zeigt den Konflikt zwischen der katholischen Herrscherin Schottlands und Königin Elizabeth I. in London.

          Topmeldungen

          Brief aus Istanbul : Ins Gefängnis wegen der besten Recherche

          Für ihre Arbeit zu den Panama Papers, die Steuerbetrug weltweit aufdeckten, erhielt eine internationale Journalistengruppe den Pulitzer-Preis. Pelin Ünker, die daran mitwirkte, muss in der Türkei in Haft. So sieht Erdogans Pressefreiheit aus.
          Bleibt Jens Weidmann Chef der Bundesbank? Oder rückt er an die Spitze  der EZB?

          Bundesbank : Weidmann wird wiederberufen

          Die Regierung plant, den Vertrag von Bundesbankpräsident Jens Weidmann um weitere acht Jahre zu verlängern. Eine andere Stelle für ihn ist gleichwohl nicht ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.