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Bayreuther Festspiele : Explosionen der Lebenslust

Sublimer Feuerzauber: Ein Malassistent (links) von Hermann Nitsch sorgt für orgiastische Strahlkraft am Schluss der „Walküre“. Bild: dpa

Zart und vital zugleich machen Pietari Inkinen und Hermann Nitsch aus Richard Wagners „Walküre“ ein Theater ohne Handlungsregie. Die Bayreuther Festspiele erleben in der Corona-Krise einen kreativen Schub.

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          Die Musik fliegt, manchmal schwebt sie nur wenige Zentimeter über dem Boden, am Ende segelt sie traumestrunken davon: über die Wolken, zu den Sternen, nach Walhall, wohin auch immer, da mag jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber der Dirigent Pietari Inkinen, ein Neuling auf dem Grünen Hügel, der erste Finne am Pult der Bayreuther Festspiele, hat Richard Wagners Musik zur „Walküre“, wo immer es sinnvoll war, von aller Erdenschwere befreit. Man hört einen Wagner jenseits der Klangvorurteile des Massigen, eine Musik, die ohne das Im­poniergehabe gehörnter Helme auskommt und trotzdem stark ist. Zartes Farbenspiel von Naturbeschwörungen, Raffinement der Psychologie, alles, was die Symphoniker Frankreichs, Russlands und Finnlands an Wagner später faszinierte, schwingt hier mit als geistige Resonanz eines europäischen Ereignisses, das nicht auf den Sonderweg deutscher Düsternis und Wucht zu reduzieren ist.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Tiefenregister des wunderbar folgsamen Festspielorchesters nimmt Inkinen weitgehend zurück. Die Bässe geben Or­tungssignale für das tonale Hören und für die Architektur des Satzes, aber sie decken farblich nichts zu. Wenn Oskar Bie in seinem Buch „Intime Musik“ Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ausgerechnet Wagners Dramen als Musterbeispiele für das im Titel benannte Genre anführt, versteht man derzeit dank der Bay­reuther „Walküre“, warum. Inkinens Dirigat ist so fein, dass auch die Sänger mit besonderer gestalterischer Beweglichkeit singen können. „Zu zwei kam ich zur Welt“, hebt Klaus Florian Vogt, vorbildlich textverständlich, mit großer Bestimmtheit an. Doch jäh leise werdend setzt er fort: „eine Zwillingsschwester und ich“.

          In der plötzlichen Zurücknahme klingt die Ah­nung – nicht die Gewissheit – an, in Sieglinde diese Schwester vor sich zu haben. Lise Davidsen, dieses Wunder aus Glanz und Wärme, bekommt dann als Sieglinde den Raum wie die Stütze, ihre Ekstase von „Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte“ bis zur Zeile „zuerst den Freund ersah“ als einziges, weitdimensioniertes Crescendo anzulegen. Das ist Gesang, der sich nicht von Komma zu Komma, gar von Wort zu Wort hangeln muss. Und wenn Tomasz Konieczny als Wotan kapituliert, um ein seltenes Mal wirklich zu brüllen: „Nur eines will ich noch: das Ende“, dann folgt eine erschütternd gut getimte Pause vor einem kleinlaut nachgesetzten „das Ende“. Im Walkürenritt des dritten Aufzugs schließlich erscheint der Gesang der acht Kraftweiber als Steigerung gegenüber dem Orchester, nicht als Zurücknahme des Vokalen vor der Übermacht des Instrumentalen.

          Stille, die zum Zuhören zwingt

          Häufig wird Stille hergestellt, die zum Zuhören zwingt: auf die tiefe Traurigkeit, die Christa Mayer als Fricka in ihre Vorwürfe an Wotan legt, oder auf die irrende Ratlosigkeit, mit der Iréne Theorin ihren Vater Wotan zu trösten sucht. Sicher, Hunding, gesungen von Dmitry Belosselskiy, bleibt auch hier ein Tunichtgut, dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Und Konieczny, der vor einer Woche noch nicht wusste, dass er für Günther Groissböck als Wotan einspringen würde, schiebt manchmal ein unschönes Dehnungs-E hinter lange U-Vokale wie „Luëst“ und „Fluëch“ ein, bleibt aber sonst als Ehemann und Vater ein zartfühlender, zergrübelter Kavalier.

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