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Wagners „Ring“ in Mannheim : Hier geschehen noch Zeichen und Wunder

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Ihr bunten Götter, wie geht’s? Jürgen Müller als feuerbehandschuhter Loge im Mannheimer „Rheingold“ Bild: Polaris

Ein Welttheater, ganz aus Phantasie: Achim Freyers neuer Mannheimer „Ring“ überrascht durch eindrucksvolle Regieeinfälle ganz in Wagners Sinne.

          Eine Inszenierung ist das nicht. Es ist mehr und weniger zugleich. Hier geht einer zurück auf null und schlägt mit leichter Hand sein eigenes Welttheater auf. Hält sich, ganz konkret und doch poetisch, an jene Pfosten und Bretter, die schon dem hohen Herrn aus Weimar für seinen „Faust“ genügten. Budenzauber also, aber in höherer Potenz. Aus Brett und Stange wird die leuchtende Gerade des Zeitenlaufs, drei dieser Schicksalslinien verbinden sich zu mystischer Trinität, unterm magischen Dreieck wölbt sich das Bühnenrund zur Kugel. Urelemente, orphisch, zu dunklem Es-Dur-Geraune - und jedermann erwartet sich ein Fest.

          Ein Fest bekommen die Zuschauer im Mannheimer Nationaltheater tatsächlich; allerdings ganz anders, als mancher orthodoxe Wagnerianer sich das vorgestellt haben mag. Es gibt keinen Rhein und kein richtiges Gold in diesem „Rheingold“, Walhall bleibt ein Wolkenkuckucksheim, irgendwo im offenen Schnürboden; dessen künftige Bewohner, die Germanengötter, schreiten einher, als wären sie Bildern von Dalí und Max Ernst entschlüpft; und Alberich, der Fiesling, ist bloß ein frustrierter Clown auf überhohen Kothurnen, der offenbar zu oft den „Großen Diktator“ nachgeahmt hat.

          Freyer zaubert und verzaubert

          Phantasie ist gefragt bei Achim Freyers Neusicht der „Ring“-Tetralogie in Mannheim, die jetzt mit einem überraschend kontrovers aufgenommenen „Rheingold“ begann. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass sich die sehr eigene Handschrift eines Regisseurs dem Publikum erst mit der Zeit erschließt. Dabei macht Freyer eine Tugend aus unverhoffter Theaternot. Erst Ende Juni nämlich hatte sich die Mannheimer Opernleitung von dem vorgesehenen „Ring“-Deuter Christof Nel getrennt, weil „unterschiedliche Sichtweisen“ nicht „zur Deckung gebracht werden konnten“, wie man es zünftig verbrämte. Kurz vor der Sommerpause war dann mit Freyer ein denkbar spektakulärer Ersatz gefunden - nur Zeit für weiterreichende konzeptionelle Planungen oder die Herstellung von Prospekten und klassischen Kulissen gab es nicht mehr. Vielleicht aber entsteht ja das spannendste Theater wirklich aus der Improvisation; zumal wenn ein derart bildmächtiger Künstler wie Freyer an Neckar und am Rhein sein Bühnenzelt aufschlägt.

          Denn Freyer zaubert. Und er verzaubert - eine Kunst, die leider immer weniger Opernregisseuren eigen ist. Auf erstaunliche Weise kommt seine Ad-hoc-Produktion dabei einem Plan Wagners nahe, der ursprünglich von einem bloß temporären Festspielhaus am Ufer des deutschen Urstroms geträumt hatte; das wäre dann nach dem ersten „Ring“-Durchlauf in Flammen aufgegangen. So weit ist man in Mannheim noch nicht (obschon die Stadtväter angesichts des gräulich atmosphärefreien Schulaula-Charmes des Nationaltheaters durchaus einmal über diese Option nachdenken könnten). Gleichwohl ist schon jetzt erkennbar: Freyer setzt auf eine vieldeutige, teils surreale, teils symbolisch überhöhte Bildersprache, die nicht in erster Linie eine Interpretation der Tetralogie im Fahrwasser des Regisseurstheaters verfolgt; sondern vielmehr deren unmittelbare, optisch überwältigende Realisation als genuines Spektakel und theatrum mundi.

          Spiel mir das Lied vom Floß: Katharina Göres (Woglinde), Anne-Theresa Møller (Wellgunde), Andrea Szántó (Floßhilde) und Karsten Mewes (Alberich) Bilderstrecke

          Freia mit Sündenapfelbäumchen

          Sehr frei, aber ohne postmoderne Beliebigkeit bedient sich Freyer dazu bildlicher und filmischer Anspielungen und zwingt den Betrachter fortwährend zu munterem Rätselraten: Sieht dieser Loge nicht verdächtig aus wie Gründgens in seiner Paraderolle als Mephisto? Aus welchem frühen Horrorfilm stammen die kopflosen Riesen? Wo hat man die Fricka mit dem stilisierten schwarzen Baguette quer überm Kopf schon einmal gesehen? Oder die Freia mit den drei Lulu-Kussmündchen, der obendrein ein verheißungsvolles Sündenapfelbäumchen aus dem Haupte sprießt?

          Nur die völlig unvermittelte Hitler-Assoziation beim bösen Alberich erscheint zu konkret, als dass sie durch herbeigeschleppte Filmrollen - anstelle des Rheingoldes - im Sinne von Chaplins prophetischer Gröfaz-Parodie künstlerisch überhöht und somit weniger unerträglich würde. Zum Glück blieb dies der einzige Ausrutscher - kaum geeignet, den vehementen, etwas provinziell anmutenden Widerspruch von Teilen des Publikums zu rechtfertigen. Spannender dürfte hingegen die Frage werden, wie Freyer mit seiner spielerisch undogmatischen, eher visuell und assoziativ geleiteten Regiesprache die ausufernden Dialogszenen der folgenden „Ring“-Teile in den Griff bekommen will.

          Maßstab für den Bayreuther Ring 2013

          Musikalisch zeigte der Premierenabend solides Niveau - mit allen Vor- und Nachteilen, aber auch dem bemerkenswerten Potential eines mittleren deutschen Stadttheaters. Namentlich der Wotan des leichtstimmigen, aber vorbildlich textnah gestaltenden Thomas Jesatko, die Erda von Simone Schröder und der unheimliche, weil doppelgesichtige Alberich von Karsten Mewes stehen für die hohe Qualität des Ensembles, das weitgehend ohne Gastsänger auskommt. Auch Jürgen Müller setzt als fünfarmiger, ununterbrochen phallische Zigarren schmauchender Feuergottprotz Loge schauspielerisch wie gesanglich Akzente.

          Und immerhin verfolgt der seit zwei Spielzeiten amtierende Generalmusikdirektor Dan Ettinger mit dem klanglich noch ziemlich inhomogenen Hausorchester ein erkennbares Konzept, das mit seiner Betonung der kammermusikalischen und poetischen Seiten der Partitur in schöner Entsprechung zu Freyers phantasievollem Regieansatz steht. Nicht zuletzt als Maßstab für das anstehende Jubiläumsspektakel 2013 in Bayreuth ist Mannheims neuer „Ring“ die Reise wert.

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