https://www.faz.net/-gqz-74ouy

Wagners „Ring“ in Argentinien : Wo Wotan zum argentinischen Diktator wird

  • -Aktualisiert am

Wer der Welt Erbe zu eigen gewänn’, listig erzwäng’ er sich Lust: Nicht nur die Militärjunta, sogar Evita ist scharf auf das „Rheingold“. Bild: Teatro Colon

Der umstrittene „Ring“ am Teatro Colón wurde vom Rhein auf die Plaza de Mayo verlegt und zum nationalen Triumph. Zu kurz kam nur Wagners Musik.

          Wie ein Film, der an vielen Stellen Risse hat, zieht die Geschichte, deren Erzählung eigentlich sechzehn Stunden dauert, in weniger als der Hälfte der Zeit vorüber: Manche Übergänge sind kaum spürbar, an anderen Stellen sind ganze Szenenfolgen verschwunden. Wer den gesamten „Ring des Nibelungen“ Richard Wagners genau kennt, wird in der auf sieben Stunden heruntergekürzten Version des deutschen Pianisten und Arrangeurs Cord Garben, die jetzt am Teatro Colón in Buenos Aires aus der Taufe gehoben wurde, manches vermissen.

          Die Handlung kommt rasend voran. Kaum ist Siegfried aufgetreten, schon beginnt er das Schwert Nothung zu schmieden. Die Schmiedelieder aber fallen weg. Im „Rheingold“ treten weder Erda noch Donner noch Froh auf. Im „Siegfried“ fehlt das Rätselspiel zwischen Mime und Wotan-Wanderer. In der „Walküre“ gibt es immerhin einen wohltuenden Ruhepunkt mit dem ausführlichen Abschied Wotans von Brünnhilde. In der „Götterdämmerung“ fallen Nornenszene, nächtliches Zwiegespräch zwischen Alberich und Hagen sowie die Waltrauten-Erzählung der Schere zum Opfer, und das Schlussbild des ersten Aufzugs, in der Siegfried in Gunthers Gestalt Brünnhilde den Ring entreißt, ist verkümmert zu einer kurzen Pantomime.

          Das Teatro Colón hatte ursprünglich sehr wohl den Ehrgeiz, einen kompletten „Ring“ zu schmieden. Doch das Vorhaben scheiterte 2005 nach einer missglückten „Walküre“. Zum Wagner-Jahr 2013 wollte das Haus, einst ein bedeutender Wagnertempel, den alten Glanz auf jeden Fall aufpolieren. Einen kompletten „Ring“ innerhalb einer Saison hatte es zuletzt 1967 gegeben, unter Ferdinand Leitner, mit Birgit Nilsson, Gwyneth Jones und Wolfgang Windgassen. Zuletzt waren in den Neunzigern, über mehrere Spielzeiten verstreut, Aufführungen einzelner „Ring“-Teile zustande gekommen. Die geschrumpfte „Ring“-Fassung Cord Garbens kam da gerade recht, mit der Regisseurin Katharina Wagner als Zugpferd. Wagners Ausstieg aus der Produktion unter skandalösen Umständen  hätte fast zum Scheitern des Projekts geführt.

          Als Ersatz sprang die argentinische Regisseurin Valentina Carrasco ein, vormals der Theatertruppe La Fura dels Baus zugehörig. Sie hat das Kunststück vollbracht, innerhalb von vier Wochen ein neues, eigenes Konzept zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen. Carrasco verwendete Teile der bereits vorhandenen Ausstattung und des Bühnenbildes von Frank P. Schlössmann. Was Katharina Wagner damit vorgehabt hatte, ist unbekannt; ihre Nachfolgerin entwickelte daraus ein Szenario, das es ihr erlaubt, eigenes Profil zu zeigen. Es ist ein sehr argentinischer „Ring“ geworden - mit Reminiszenzen an die dunkle Vergangenheit des Landes, die aber auch auf andere totalitäre Systeme übertragbar sind. Alberichs Fluch auf die Liebe und den Raub des Goldes setzt Carrasco dem systematischen Kindesraub der argentinischen Militärs gleich. Nibelheim wird zur Folterkammer, in der schwangeren Gefangenen die Kinder weggenommen werden. Freia wird statt mit Gold mit geraubten Kindern aufgewogen. Wotan ist ein Prototyp des südamerikanischen Diktators. Fricka erinnert entfernt an Evita.

          Straff und zupackend ist er argentinische Ring

          Der Obelisk, Wahrzeichen von Buenos Aires, dient als Heldendenkmal. Davor haust Fafner, eine Art Pate im Rollstuhl. Mime braut seinen Sud im Mate-Topf. Die Rheintöchter sind biedere Hausfrauen, deren Kinder Opfer des Terrors wurden. Am Ende von „Götterdämmerung“ tragen sie die weißen Kopftücher der „Mütter der Plaza de Mayo“. Immer wieder gelingen Carrasco solche starken, anrührenden Szenen. Sieglinde, die von dem in einem Verschlag hausenden Revoluzzer Hunding wie eine Hündin an der Leine gehalten wird, lernt bei Siegmunds „Wonnemond“-Gesang buchstäblich wieder den aufrechten Gang. Das wird von der Schweizer Sängerin Marion Ammann nicht nur grandios gespielt, sondern auch mit einer wunderbar volltönenden, jugendlich strahlenden Stimme gesungen.

          Überhaupt haben die durchweg noch von Katharina Wagner engagierten Sänger den Regiewechsel bereitwillig mitgemacht, sie schlagen sich wacker. Nur Stig Andersen ist als stimmkräftiger, doch wenig jugendlich mitreißender Siegmund für den erkrankten Torsten Kerl eingesprungen. Jukka Rasilainen singt den Wotan kernig und korrekt, letztlich aber doch mit zu wenig Profil. Kevin Conners agiert behende als neckisch singender Mime; Stefan Heibach ist ein lyrischer, vielleicht allzu schön klingender und zu wenig giftiger Loge. Die Brünnhilde Linda Watsons überstrahlt alles, auch wenn sie gelegentlich schrill wird. Der Russe Leonid Zakhozhaev als Siegfried steht etwas steif herum und singt seine Partie fast ohne jede Regung herunter. Mit dem Wagnerschen Helden-Liebespaar hat Valentina Carrasco allerdings auch keine großen Regie-Experimente mehr unternommen, vielleicht, weil die Zeit nicht reichte.

          Sie hätte die Chance zu einem kompletten Ring verdient: Regisseurin Valentina Carrasco

          Das verstärkte Colón-Orchester, wagnerentwöhnt, aber mit einem wunderbar weichen und doch kernigen Tubenklang, war in erstaunlich guter Form, auch wenn es hin und wieder Patzer und Pannen gab. Generell spielte es zu laut. Das mochte daran liegen, dass der Dirigent Roberto Paternostro zum ersten Mal im Colón am Pult stand. Die Akustik dieses Hauses ist auch nach der Renovierung so hervorragend, dass das Orchester im Graben nicht aufdrehen muss. Paternostro, der wie die Regisseurin eingesprungen war, dirigierte ansonsten zupackend und straff. Dass er sieben Stunden am Stück durchhielt, ist für sich genommen eine enorme Leistung.

          An diesem „Colón-Ring“, der vom Publikum frenetisch gefeiert wurde, wird wohl noch weiter gebastelt werden. So kursiert die Idee, künftige Aufführungen auf zwei Tage aufzuteilen und dafür einige allzu rabiate Striche wieder aufzumachen. Viel wichtiger wäre indes, dass Valentina Carrasco Gelegenheit erhielte, an dieser oder einer anderen Bühne ihre suggestive „argentinische“ Inszenierung weiter auszuarbeiten, um eines Tages die komplette „Ring“-Tetralogie ohne jeden Filmriss auf die Bühne zu bringen.

          Weitere Themen

          Giganten der Renaissance neu erleben Video-Seite öffnen

          Multimediale Zeitreise : Giganten der Renaissance neu erleben

          Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci widmet das Leipziger Kunstkraftwerk den „Giganten der Renaissance“ eine virtuelle und auditive Ausstellung. Die Klang- und Video-Installation umfasst auch Werke von Raffael und Michelangelo.

          Topmeldungen

          Contra Tempolimit : Ein generelles Tempolimit bringt nichts

          Die Argumente für ein starres Tempolimit sind so schwach wie eh und je. Wahlweise heißt es, man müsse langsam fahren, um das Klima zu schützen oder Unfälle zu vermeiden. Bisweilen helfen Fakten. Ein Kommentar.

          Debatte über Fahrverbote : „Die Grenzwerte sind sogar noch zu hoch“

          In einer Stellungnahme halten mehr als hundert Lungenärzte die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid für zu niedrig. Sie argumentieren, dass dann ja alle Raucher tot umfallen müssten. Der Physiologe Holger Schulz hält dagegen: Das sei naiv.

          Davos : Im Privatjet zur Klimarettung

          Der Klimaschutz soll im Zentrum des Weltwirtschaftsforums stehen. Doch die Teilnehmer reisen mit so vielen Privatjets an wie noch nie. Eine junge Klimaaktivistin macht es anders – und braucht für ihre Reise mehrere Tage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.