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Wagners „Ring“ in Berlin : Teetrinken mit Erda

  • -Aktualisiert am

Stresstest unter erschwerten Bedingungen: Was Regie und Ensemble auf die Beine gestellt haben, hat keine Buhrufe verdient. Bild: Monika Rittershaus

Ironie und Allzumenschliches: An der Berliner Staatsoper geht Dmitri Tcherniakovs starke Neuinszenierung von Wagners „Ring“ zu Ende. Christian Thielemann wird gefeiert.

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          Einen solchen Buh-Sturm hat dieser neue „Ring des Nibelungen“ nicht verdient. Gnadenlos bricht er herein, als in der Berliner Staatsoper das Regie-Team auf die Bühne kommt. Da hat sich über vier Abende hinweg eine Enttäuschung und Wut angestaut, die sich nun Luft machen muss. Enttäuschung aber worüber? Dmitri Tcherniakov hat eine Regieidee geliefert, die alle vier Teile des „Rings“ trägt: jene eines Menschenexperimentes, das von einem zynischen, später bereuenden Wotan in Gang gesetzt wurde. Eine Idee, die auch deshalb so stark ist, weil sie dem Manipulativen Rechnung trägt, das dieses Großwerk Richard Wagners als Motiv durchzieht. Nicht nur Wotan macht hier seine Experimente, um die Macht zu retten, sondern ebenso Mime, der Siegfried für sich einspannen möchte, um den Ring zu erlangen, oder Hagen, der im großen Manipulationsmanöver der „Götterdämmerung“ sich Siegfried dienstbar macht. Wotan ist nur der vorderhand Hochrangigste in der verlogenen, unehrlichen Gesellschaft, die im „Ring“ aneinander herumexperimentiert.

          Wotans Forschungsanstalt

          Die Präzision, mit der Tcherniakov und seine Ausstatterin Elena Zaytseva die feinen Unterschiede innerhalb dieser Gesellschaft zeigen, ist fesselnd. In der „Götterdämmerung“ haben die Gibichungen die Forschungsanstalt Wotans übernommen. Gunther, ein Aufsteiger wie einst Wotan, hat schick renovieren lassen, Gutrune ist seine angeschickerte Schwester, die ihre gute Laune aus dem Rheinwein bezieht, der hier getrunken wird wie Wasser. Sorg- und Verantwortungslosigkeit herrschen wie ehedem unter Wotan, wie überhaupt Tcherniakovs „Götterdämmerung“ den ewigen Kreislauf der Dinge auf die Bühne bringt: Siegfried unter der Einwirkung des Vergessenstrunks wird sich Brünnhilde gegenüber so hässlich gebärden wie einst Hunding gegenüber Sieglinde. Beide Szenen finden im selben Raum statt. Zuvor trifft Siegfried als daueradoleszenter Gutmensch, als den ihn Tenor Andreas Schager glänzend auf die Bühne bringt, auf die Gibichungen: Ihr Lob seiner Heldenhaftigkeit ist ihm peinlich, unbedarft packt er sein Stofftier-Pferd Grane aus, spöttisches Gelächter hervorrufend. Siegfried wird schnell lernen und bald im weinroten Dreiteiler erscheinen.

          Das Leben war auch schon mal schöner: Szene aus der „Götterdämmerung“
          Das Leben war auch schon mal schöner: Szene aus der „Götterdämmerung“ : Bild: Monika Rittershaus

          Fürs Erste abgeschlossen ist damit Siegfrieds Mannwerdung, die Tcherniakov im „Siegfried“ ähnlich präzise geschildert hatte. Ein Schwert schmiedet er zwar nicht, dafür räumt er umso entschiedener mit seiner Kindheit auf: Zum Pusten des Orchesterblasebalgs gehen Stofftiere und Holzspielzeug in Flammen auf, mit dem Schmiedehammer wird das kunterbunt bestückte Kinderzimmer zerlegt und die Wohnung des verhassten Mime gleich mit. Aus den feinen Spannungen zwischen sozialen Schichten, wie sie nicht nur in der „Götterdämmerung“, sondern zuvor schon im „Rheingold“ und in der „Walküre“ zu erleben waren, wird nun ein Konflikt der Generationen. Wotan als Wanderer und Alberich treten als Ruheständler auf, die sich, was den Ring betrifft, nach wie vor im Unruhestand befinden. Wie Wotan mit grauer Kappe auf dem Kopf noch einmal in seiner alten Forschungsanstalt vorbeischaut und sich keiner für ihn interessiert: eine großartige Szene; wie er sich dort noch einmal zum Tee triff mit Erda, offenbar die frühere Chefsekretärin, die gute Seele des Betriebs, die Wotan ehemals gefügig war (mit ihm hat sie ein Kind, Brünnhilde): von Tcherniakov mit penibler Detailfreude in Szene gesetzt; wie Wotan schließlich den Teetisch hastig abräumt und sich in Pose bringt, um dem nahenden Siegfried gegenüber einen respektablen Eindruck zu machen: so komisch wie traurig.

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