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Wagners Ring als Finanzkrisendrama : Walhall droht die Zahlungsunfähigkeit

  • -Aktualisiert am

Der Beginn der Weltverstrickung: Alberich entlockt den Rheintöchtern das unheilstiftende Gold Bild: dpa

Wo wir meist nur große Oper hören, sehen andere Wotans Bilanz und Alberichs Anleihe: Wagners „Ring des Nibelungen“ interpretiert im Licht der Finanzkrise - es geht um sparen oder ausgeben.

          Was mit einer Aufnahme von Fremdkapital beginnt, endet vierzehn Stunden später mit kataklystischem Untergang. Und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass sich ausgerechnet dieser Tage Abertausende in der westlichen Hemisphäre - von Seattle über New York, London, Berlin, München und Mailand bis nach Sankt Petersburg - dieses Drama zu Gemüte führen, das sich über vier Abende erstreckt. Öffentliche Hand, Sponsoren und Zuschauer greifen tief in die Tasche dafür, denn die Produktion der Show, die ursprünglich nur einmal hätte aufgeführt werden und in der Zerstörung ihrer selbst hätte münden sollen, ist teuer.

          Die Rede ist von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, dem größten (sagen manche) und längsten (sagen alle) Werk des Repertoires, dem sich die Opernhäuser der Welt, die ernst genommen werden wollen, stellen müssen. Und nun erst recht, denn nächstes Jahr steht Richard Wagners zweihundertster Geburtstag ins Haus - der unschuldige Anlass der Proliferation.

          Fafner & Fasolt, ein Bauunternehmen, das den Götterlohn für die Errichtung Walhalls erwartet. In der Mitte das von Wotan leichtsinnig gewährte Pfand Freia.

          Der Ring beginnt mit der Etablierung eines Kreditverhältnisses. Der Nibelung Alberich erhält von den Rheintöchtern das von ihnen gehütete Rheingold, aus dem er sich das titelgebende Objekt schmieden lässt. Die Übergabe geschieht zwar nicht ganz freiwillig, aber aus buchhalterischer Sicht spielt es keine große Rolle, ob eine Schuld auf Raub oder gern gegebenem Kredit beruht. Nach der ersten Szene befindet sich Alberich im Besitz des Rheingolds, und die Rheintöchter haben einen Anspruch auf seine Rückgabe, wie es einer normalen Kreditbeziehung entspricht. Und Alberich setzt das Fremdkapital auf eine Weise ein, wie sie jeden Banker lachen ließe. Er baut einen überaus erfolgreichen Industriebetrieb auf und erwirtschaftet in kürzester Zeit einen veritablen Hort.

          Zur selben Zeit an anderem Ort lässt sich Gott Wotan ein neues Haus bauen. Wotan hat in der Vergangenheit diverse Erfolgssträhnen erlebt, ist augenblicklich aber blank, ein Umstand, den die Baufirma Fasolt & Fafner bei Übernahme des Auftrags schon befürchtet. Deswegen besteht sie auf der Herausgabe eines Pfands, das Wotan in Form seiner Schwägerin Freia den Bauträgern gewährt. Leichtsinnigerweise, sollte man sagen, baut Freia doch hobbymäßig Äpfel an, deren Verzehr von überlebensnotwendiger Bedeutung für die Familie der Götter ist.

          Alberich nimmt eine nicht ganz freiwillige Anleihe bei Wotan

          Zu Beginn der zweiten Szene des ersten Teils (des Vorabends, wie Wagner selbst das Rheingold genannt haben wollte) ist das neue Haus, das Wotan später Walhall taufen wird, errichtet, und Fricka, Wotans Frau und Freias Schwester, macht sich Sorgen über die Begleichung der allfälligen Rechnung. Die Zahlungsunfähigkeit droht und der fatale Verlust des Pfands. Hilfe wird gerufen, und eine halbe Stunde später ist ein bail-out package da: die Schulden Wotans sollen mit einer Anleihe bei dem erfolgreichen Industriellen Alberich beglichen werden.

          Dass dieser nicht wirklich dazu geneigt ist, seinem alten Konkurrenten Wotan Kredit zu gewähren, spielt wie schon bei seiner eigenen Kreditaufnahme in der ersten Szene keine Rolle. Wie Alberich gegenüber den Rheintöchtern, verfügt Wotan gegenüber Alberich über die Mittel, die es braucht, die Kapitalaufnahme zu erzwingen, Gegenstand einer unterhaltsamen dritten Szene. Und so kann Wotan in der vierten die Rechnung der Firma Fasolt & Fafner begleichen und am Ende samt Anhang das neue Eigenheim beziehen.

          An dem Kraftprotz Siegfried ist kein Unternehmer verloren gegangen. Ihm fehlt das strategische Geschick und das Gewinnziel.

          Klingt plausibel, finanztechnisch vertraut und gesund? Es bietet sich an, an dieser Stelle den Bilanzen der verschiedenen Parteien einen genaueren Blick zu widmen. Da sind zunächst die Rheintöchter, die ihren Aktivposten Rheingold gegen eine Forderung an Alberich getauscht haben, alles gedeckt durch Eigenkapital. Als Nächstes haben wir Alberich, dessen Bilanz zur Mitte des ersten Abends recht golden aussieht. Im Soll: Ring, Tarnhelm und eine üppige Menge Gold. Im Haben: die Verbindlichkeit gegenüber den Rheintöchtern und ein ziemlicher Batzen Eigenkapital. Eine gute Stunde später haben sich Alberichs Aktiva jedoch dramatisch gewandelt: Ring, Tarnhelm und Hort werden allesamt ersetzt durch eine Forderung an Wotan, Wotans Anleihe.

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