https://www.faz.net/-gqz-9pkuc

„Meistersinger“ in Bayreuth : Gestern Nacht Kissenschlacht

  • -Aktualisiert am

Ist das die deutsche Kunst, die es zu retten gilt? Szene aus Wagners „Meistersingern“ in der Inszenierung von Barrie Kosky in Bayreuth. Bild: Enrico Nawrath / Bayreuther Fest

Comedy und Komödie: Die „Meistersinger“ für Groß und Klein bieten bei den Bayreuther Festspielen abermals ein Stückchen Wagner – gewohnt kindergerecht.

          3 Min.

          Kinderoper in Bayreuth? Soll keiner behaupten, bei den Festspielen liefe das nur eben nebenher. Die Sängerbesetzung, die für die Kleineren und deren größere Begleitung aufgeboten wird, würde jedem Stadttheater zur Ehre gereichen, die Temperaturen am Spielort, dem „Probebühne IV“ genannten Holzschuppen an der Ostseite des grünen Hügels, können es mit den derzeit dampfbadähnlichen im Festspielhaus aufnehmen. Und auch das Publikum übt hier für kommende Auftritte im großen Haus: unter Jungs im Fußballtrikot mischen sich Vierzehnjährige, die ihre hochhackigen Schuhe ausführen.

          „Richard Wagner für Kinder“ – was ein bisschen nach Drohung klingt, ist mittlerweile fester Bestandteil der Festspiele. So fest, dass man nun bereits einmal durch den Kanon jener Werke Wagners hindurch ist, die in Bayreuth aufgeführt werden. Man wird sich Gedanken machen müssen über spannende Neuinszenierungen. Dieses Jahr aber zunächst noch: „Meistersinger“, von Marko Zdralek in musikalischer Hinsicht virtuos auf eine gute Stunde gekürzt, von Dirk Girschik frisch inszeniert, von Ivan Ivanov mit einem Bühnenbild versehen, das unter den Größeren all jenen das Herz höher schlagen lassen dürfte, die vom Regietheater genug haben, das die Kleinen (und die Kleinen in den Größeren) aber zum Träumen verführt.

          Getragen vom Vertrauen in die Kraft des Stückes

          Schönste Butzenscheibenromantik, Häuschen wie auf dem Weihnachtsmarkt. Hier erfährt man nun erstaunt, dass der bloße Plot der „Meistersinger“ durchaus kindertauglich ist. Und zwar ohne dass mit Anbiederung an das junge Publikum nachgeholfen werden müsste – durchaus erwähnenswert, wenn man bedenkt, dass bei Kinderopern, angestachelt von der Furcht vor einem gedanklich abschweifenden Publikum, gewöhnlich Zuflucht bei krachlautem Aktionismus gesucht wird.

          In dieser Fassung von Katharina Wagner und Markus Latsch wird aber ruhig und der Reihe nach erzählt, getragen vom Vertrauen in die Kraft des Stückes, hin und wieder zum gesprochenen Wort wechselnd, wenn es für das Verständnis der Handlung nötig ist, sonst aber so eng an der Vorlage bleibend, dass man mit gutem Recht weiterhin von „Wagners Meistersingern“ sprechen darf.

          Das Staatsorchester Frankfurt (Oder) unter Azis Sadikovic steuert einen wuchtigen, zielstrebigen Wagner-Sound bei, Werner Van Mechelen ist ein feingliedriger Sachs, Vincent Wolfsteiner singt einen kraftvollen, höhensicheren und klangschönen Walther von Stolzing, Armin Kolarczyk ist ein wendiger Beckmesser. Dass man sich in Bayreuth sängerische Qualität auch für die Kinder leistet, zahlt sich aus. Mit Aufmerksamkeitsproblemen hat man hier nicht zu kämpfen, was auch an Dirk Girschiks kurzweiliger Regie liegt. Eva malt oben an ihrem Erkerbalkon Fliederblümchen an die Hauswand, Stolzing steckt ihr als geheime Botschaft einen Origami-Kranich zu, woraufhin sich auch der grübelnde Sachs („Wahn, Wahn, Wahnsinn, diese Prügelei gestern Nacht“) in der fremdländischen Faltkunst versucht. Und zur Prügelei (hier: Kissenschlacht) kommen die zauselbärtigen Meister mit ihren Teddybären aus den Betten gekrochen.

          Zwischen Leichtigkeit und Ernst

          Mag sein, dass sich Girschik hier ein wenig von Barrie Koskys Inszenierung im großen Haus hat inspirieren lassen. Hier wie dort jedenfalls dient die Darstellung von Dusseligkeit dazu, den Meister-Nimbus ironisch zu brechen. Und auch der Schluss ist in beiden Fällen groß. Bei Kosky fährt ein ganzes Sinfonieorchester auf die Bühne, um zu verdeutlichen, was es mit der deutschen Kunst auf sich hat, die es zu wahren gilt, in der Kinderoper öffnet sich die Rückwand der Probenbühne und gibt den Blick frei auf die Backsteinmauern des Festspielhauses. Das ist natürlich feine Eigen-PR.

          „Richard Wagner für das Kind im Erwachsenen“ liefert derweil auch im dritten Jahr unverbraucht Barrie Kosky. Kurzweilig wie eine Comedy fliegt der erste Akt vorüber, wo in Wahnfried, genialisch inszeniert, reges Treiben herrscht: wo langhaarige Meister aus dem Flügel steigen und der Hausherr mit Schwiegervater Liszt vierhändig Klavier spielt. Wo Wagner, der bald in die Rolle des Hans Sachs gleitet, Hermann Levi, den jüdischen Uraufführungs-Dirigenten des „Parsifal“, mit manipulativer Kraft zum Beckmesser macht. Was in der Kinderversion dann doch beiseitegelassen wurde – der Antisemitismus des Komponisten, der in der Figur des Merkers zum Ausdruck kommt –, das wird von Kosky mit einer seltenen Verbindung von Leichtigkeit und Ernst verhandelt. Und von Johannes Martin Kränzle als Levi-Beckmesser unschlagbar auf die Bühne gebracht: professoral betulich, dass man es komisch und liebenswert zugleich finden muss, einen Außenseiter spielend, der nach Anerkennung trachtet und doch erfüllt ist von Stolz. Ähnlich wundersam in seiner Komplexität ist Michael Volles Hans Sachs: schwer und leicht zugleich, altersweise und jugendfrisch, ein Mann in den allerbesten Jahren, dem man seine erotischen Bedürfnisse (auch das fällt bei den Kindern weg) abnimmt.

          Klaus Florian Vogt als Stolzing gibt einen Tag nach dem Lohengrin nun die Unschuld vom Lande, die Aufführung teilt er sich klug ein, das Lied auf der Festwiese wird zum leuchtenden Höhepunkt. Camilla Nylund bleibt als Eva ähnlich vage wie tags zuvor als Elsa im „Lohengrin“, Daniel Behle als meisterlich singender Lehrling David kommt im Großauftritt des ersten Aktes unter die Räder einer musikalischen Maschinerie, die sich offenbar verselbständigt hat. Wie auf der Flucht hetzt Philippe Jordan durch das Stück, es wackelt und klappert, dröhnt und lärmt, nichts mehr von der Ausgeglichenheit, die das Festspielorchester am Tag zuvor unter Christian Thielemann so eindrucksvoll gezeigt hat. Die Sänger müssen gegen den Graben ansingen, oder sie verzichten gleich ganz auf den Auftritt. Wie der Nachtwächter, der beim ersten Einsatz wohl Opfer seiner Arbeitszeit wurde und selbst zu schlafen scheint. Nichts zu hören, außer einem Summen aus dem Souffleurkasten.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Einst war beim Arbeits- und Gesundheitschutz das technisch Machbare die Richtschnur. Nun definiert das arbeitsmedizinisch Unbedenkliche den Maßstab – notfalls auch um den Preis, dass manche Arbeiten unterbleiben müssen.

          F.A.Z. exklusiv : Der Straßenbau droht gestoppt zu werden

          Ein Grenzwert soll in Zukunft verhindern, dass Arbeiter zu viele Asphaltdämpfe einatmen. Nun fürchtet die Branche, komplett lahmgelegt zu werden. In einem Brandbrief bittet man um eine Übergangszeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.