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Wagner-Opern : Nur wer kräftig rüttelt, macht Tote lebendig

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Diese Welt ist nicht zu retten: Siegfried (Lance Ryan, links) beim Umtrunk in Frank Castorfs Bayreuther Götterdämmerungsdönerbude Bild: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Nur wer die Musik Richard Wagners liebt, sollte sie inszenieren dürfen. Nur Liebende können blinde Flecken und Monstrositäten des Werkes erkennen. Ein Plädoyer für ein Sabbat-Jahr der Wagner-Regie.

          An diesem Silvester wollen wir nicht schon wieder die Neunte hören; vielmehr, nach leichtsinnigen Ausflügen in die „Ring“-Landschaft des Jahres 2014 und zumal nach jüngsten Erschütterungsnachrichten über Regie-Fehlentscheidungen in Bayreuth lieber in der Schreibstube verharren, um nachzudenken. Womit hatten wir Richard-Wagner-Experten uns, mit Sachs zu sprechen, mehr „ins eigne Fleisch gewühlt“: War es der Trash der „Ring des Nibelungen“-Lesart von Frank Castorf in Bayreuth oder der Stress des Vierundzwanzig-Stunden-„Ring“ von Gustav Kuhn im Tiroler Festspielort Erl? Wünschen wir uns nun, quasi als Stachel im Fleische, die Skandalnudel Jonathan Meese auf den Hügel zurück, für einen schrillen „Parsifal“? Oder freuen wir uns auf den wackeren Regiehandwerker Uwe Laufenberg?

          Auf meinem Schreibtisch liegt ein Büchlein mit dem Titel „Siegfrieds Kalaschnikow oder der missachtete Wagner“, verfasst von Heinz Krejci, einem Rechtswissenschaftler und Wagner-Liebhaber, der sich sein Dasein als Emeritus mit einer Rache an Castorf verschönt. Rache sei süß, sagt das Sprichwort. Doch in diesem Fall handelt es sich, ungeachtet manch hübschen Wortwitzes, doch eher um die Rache des kleinen Mannes. Tiefer schürft der gewitzte, sich progressiv dünkende Opernkritiker. Da vergleicht mich einer, sollte ich Castorfs Ideen nicht so toll finden wie er, mit einem Heavy-Metal-Fan, der auf die Barrikaden gehe, wenn man ihm nicht die „immer gleichen Akkorde von Motörhead“ wie einen Schnuller in den Mund stecke. Und bescheinigt kollektiv all jenen Engstirnigkeit, die sich nicht auf Castorfs geniales Bayreuther Regiekonzept einlassen wollen. Ich bin zwar vermutlich nicht persönlich gemeint, aber doch mit angesprochen. Meine Gegenfrage: Hören die Kritiker nur noch auf Frank Castorf oder haben sie auch ein Ohr für Richard Wagner? Verstehen sie nur jenen, oder auch etwas von diesem?

          Man zeigt zwar allgemein Verständnis für Menschen, denen ein „Kunstwerk“ heilig ist. Doch abgesehen davon, dass von diesem liberalen Standort aus potentielle Wagner-Puristen ihrerseits zu Heiligen, nämlich solchen der komischen Sorte, abgestempelt werden, verfehlt dieses Zugeständnis den Kern der Sache.

          Auch Selbstverliebte dürfen inszenieren

          Es kann nicht darum gehen, ein Kunstwerk für sakrosankt zu erklären, im Gegenteil: Alle Kunstwerke der Vergangenheit sind tote Gegenstände, sofern sie nicht durch den Dialog mit dem Betrachter, Leser, Hörer zu neuem Leben erweckt werden. Um Tote lebendig zu machen, bedarf es starker Energien. Man muss gegebenenfalls auch mal kräftig daran rütteln. Es ist zudem eine Conditio sine qua non, dass bei den jeweiligen Interpretations- und Regiearbeiten die Phantasie aus dem Ruder laufen darf. Der springende Punkt ist: Soll ein Kunstwerk überhaupt zu jeweils neuem Leben erweckt werden? Oder dient es nur als Matrix oder Anlass, einen neuen, anderen, eignen Film abzudrehen?

          Jeder darf Wagners Werk für unerträglich oder zumindest irrelevant halten. Doch keinesfalls genügt es, sich mehr oder weniger verstreute Gedanken zum Thema „Kapitalismus heute: falscher Glanz, reales Elend“ zu machen. Was Castorf zu diesem Thema auf die Bayreuther Bühne gebracht hat, ist zum Teil pfiffig, teils geschmacklos. So weit, so gut. Aber Castorfs geringschätziger Umgang mit Wagners Figuren ist damit noch lange nicht legitimiert. Dass ein Regisseur den Schöpfer einer Oper mehr lieben müsse als sich selbst - mit diesem angeblich weisen, von Krejci speziell gegen Castorf gewendeten Statement kann ich zwar nichts anfangen; auch Selbstverliebte können hervorragende Wagner-Inszenierungen abliefern. Wichtig ist, dass der Selbstverliebte einen Draht zu seinem Gegenstand hat.

          Ja, nur wer liebt, darf inszenieren. Und nur wer liebend inszeniert, der ist dann auch in der Lage, die blinden Flecken im Werk erschrocken anzustarren und dessen Monstrositäten auszuleuchten. Im Grunde genommen ist aller Mythos monströs, nicht nur der Wagnersche.

          Die Seenot des Kunstschwimmers

          Ein Regisseur sollte dies in seine eigene Zeit übersetzen können, er sollte das Kunstwerk reflektieren und weiterdenken. Nichts anderes meinte Walter Benjamin, wenn er schrieb, der „immanente Keim“ des Werks sei zur Entfaltung zu bringen. Gelingt dies der Mehrzahl unserer smarten Wagner-Regisseure?

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