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Vorschau auf die Schauspielsaison : Bleib doch zum Frühstück, Krise!

  • -Aktualisiert am

Der Kapitalismus kommt zum Abendessen und frisst die Leute auf. Aber die dramatischen Verluste werden locker verdaut: ein Ausblick auf die Stücke und Stoffe der neuen Saison.

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          Es ist seit Jahren das alte Lied. Wir singen es pflichtschuldigst auch heuer. Es tönt noch in jeder neuen Spielzeit die Kunde vom fortdauernden fiebrigen Schimmelbefall der deutschsprachigen Theater mit grassierendem Morbus Bearbeiteritis. Auch 2012/13 schrecken die Theater vor keiner hirnrissigen Roman- oder Filmadaption zurück. So versucht man sich in Luzern an Lars von Triers deppologischem Film „Idioten“. Potsdam macht sich über Eduard von Keyserlings Schmachtfetzenprosa „Wellen“ her.

          Frankfurt unterzieht sich Judith Schalanskys Post-DDR-Biologielehrerinnenelendsprosa im „Hals der Giraffe“. Das Berliner Deutsche Theater zelebriert Eugen Ruges DDR-Familienelendsprosa „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Konstanz nimmt sich Herta Müllers rumäniendeutsche Qualprosa „Herztier“ vor. Nürnberg taucht in Karl Mays indianerdeutsche Schicksalsprosa „Winnetou“. Wobei Basel gleich zum Alten Testament (die fünf Bücher Mose), Stuttgart frohgemut zur „Apokalypse“ des Johannes greift. Selbst Lily Bretts New Yorker jüdisch-polnischer Familienpointenmelangeroman „Chuzpe“ kommt in der Wiener Josefstadt in tantiemenklecksende Dramaturgenhände.

          Beim Blick in die romanverseuchten Saisonprospekte, von denen der junge dramatische Autor Oliver Kluck im Prospekt des Hamburger Deutschen Schauspielhauses findet, sie seien „ein hohles und unbrauchbares Marketinginstrument“, käme einem denn auch die biblische Parole in den Sinn: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Wobei der Herr die Gesellschaft wäre.

          Die Finanzkrise als wichtigster Akteur

          Dies umso mehr, als die Gesellschaft eigentlich unbezahlbare Schulden en masse den kommenden Generationen auf die Schultern häuft, die in Ewald Palmetshofers „Räuber. Schuldengenital“ (Uraufführung im Wiener Burgtheater, nachgespielt im Münchner Residenz Theater) „eine Revolte der Jungen“ erleben, die sich schon mal fragen: „Was wäre, wenn es die anderen nicht gäbe?“ Wenn man sie „davon abhielte, die Zeit mit hereinzubringen und damit diese ungewisse Zukunft, die einem die Ewigkeit verstellt“? Das ewige Leben als Ausweg aus der langsam Ewigkeitsmaße annehmenden Finanzkrise. Sie wird in der neuen Saison zur gar nicht mal heimlichen Hauptdarstellerin.

          Und die Theater scheinen ab- und jenseits ihrer Romanerei dann doch hie und da wieder mal nach draußen zu schauen. Wobei dieses Draußen sich vornehmlich drinnen spiegelt. In Andres Veiels „Himbeerreich“ (Uraufführung in Stuttgart, nachgespielt vom Deutschen Theater Berlin) kommen „Lebensgeschichten und Berichte von Bankern“ zu Rampenehren, die „Kapital nicht vermehren, sondern vernichten“. Dafür vermehren sich in Philipp Löhles „Nullen&Einsen“, die Mainz zur Uraufführung angenommen hat, die Buchhalter und Zahlenanalysten in „dramatischer Permutation“ auf der „Suche nach der Formel, die vielleicht alles dreht“. Wobei die alte Theaterformel, dass die allgemeinste und größte Katastrophe am besten im engsten Familien- und Freundeskreis im Zimmerschlachtbereich sich darstellen und bündeln lässt, auffallend viele Stücke zu befolgen scheinen.

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