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„Vor Sonnenaufgang“ in Wien : Das Glück ist allen gleich fern

Hoffnungsverloren: Marie-Luise Stockinger als Helene und Michael Maertens als Alfred. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Unheilsbescherung, herrlich: Dušan David Pařízek inszeniert „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer nach Hauptmann mit einem furiosen Michael Maertens am Wiener Akademietheater.

          4 Min.

          Zum Jahresende noch ein Höhepunkt. Ein Theaterereignis. Ohne Wenn und Aber eindrucksvoll. Ewald Palmetshofers Bearbeitung von Hauptmanns Debütstück „Vor Sonnenaufgang“ in Wien, inszeniert von Dušan David Pařízek am Akademietheater, ist ein vorweihnachtliches Überraschungsgeschenk. Allerdings unverpackt, ohne Schleife, ohne Glitzer. In Basel wurde das Stück schon vor einem knappen Monat uraufgeführt, als durchwachsener Adaptionsabend in zwei Teilen. Im ersten sah man ambitionierten Boulevard mit Abstechern ins Milieudrama: Zwei alte Studienfreunde treffen sich wieder, der eine ist ein linker Gesinnungsjournalist geworden, der andere ein rechter Geschäftszyniker. Zufällig führt eine Recherchereise die beiden wieder zusammen, bald streiten sie am Esstisch des populistischen Firmenchefs, stürmen aufeinander los, während oben dessen schwangere Frau mit der Düsternis kämpft und ihre einsame Schwester sich aus lauter Verzweiflung in den ungebetenen Gast verliebt. Der zweite Teil bot in Basel dann einen drastischen Stimmungswechsel, jetzt kam die Tragik Schlag auf Schlag, brachen die Schockwellen plötzlich los: Ein melancholischer Arzt mit Weltanschauung, aber ohne Tatendrang, die Liebesunruhe der kleinen Schwester, endlich die Presswehen und dann das Kind, tot geboren, ein Stück Schicksalsrest. Aus Basel blieb nur der zweite Teil in Erinnerung, vor allem das Ende, der gellende Schreckensschrei der Mutter.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          In Wien gibt es keine zwei Teile. Hier ist alles wie aus einem eisernen Guss. Das Stück erkennt man kaum wieder – so unerbittlich genau fügt sich nun alles zusammen. So unvergleichlich präzise wird es hier gespielt. Vor dem kalten Steingemäuer, in einem hölzernen Häuserumriss, treten nacheinander jene Figuren auf, die Palmetshofer aus der hauptmannschen Vorlage geschnitzt hat. Sie tragen hier jedoch nicht den Schatten der Aktualisierung mit sich, sind nicht nur lebensklug im Moment, sondern ganz und gar seelenweise für immer. Seelenverwaist sind sie darüber hinaus. Die kleine Helene, der Marie-Luise Stockinger ihr schönes, hoffnungsverlorenes Gesicht gibt, steht im weißen Shirt da und staunt über ihr Unglück. „In der Phantasie fallen immer nur die anderen“, sagt sie, aber in Wirklichkeit tut man es meistens selbst – fallen, stürzen, rundum scheitern. Sie ist pleite, die Wohnung kann sie sich nicht mehr leisten, deswegen ist Helene ins Elternhaus zurückgekommen, wo der ständig betrunkene Vater seine neue Frau ankeift. Die, vom Eheleben verbraucht, durch den Ekel vorm eigenen Mann entkräftet, schafft nur noch hin und wieder einen Ausbruch. Die großartige Dörte Lyssewski gibt sie als eine gedemütigte Furie, der die Wimperntusche in die Augen läuft und der bestürzte Schrei im Hals stecken bleibt.

          Skeptisch, zögernd, verdruckst

          Über der Familie liegt ein unsichtbarer Unheilsschleier, schon vom ersten Moment an spürt man, dass hier etwas nicht stimmt, niemals mehr stimmen wird. Da kann die hochschwangere Martha (rauh und bissig gespielt von Stefanie Dvorak) noch so sehr ihren österreichischen Schmähfrust ablassen, der hagere Unglücksarzt Schimmelpfennig (lustvoll-lakonisch: Fabian Krüger) noch so tragikomisch über das kurze Leben eines Grillhähnchens monologisieren und Thomas den abgeklärten Berufszyniker ohne Furcht und Selbsttadel geben – der „schwarze Höllenhund“ steht schon vor der Tür und zerrt bellend an seiner Kette.

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