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Vor der Tony-Verleihung : Maria Stuart, von der Traufe in den Regen

  • -Aktualisiert am

Ein Divenduell, ein ausgereizter Schauspielerinnenkampf ist das Broadway-Stück „Maria Stuart” Bild: AP

New York vergibt am Sonntag seine Theaterpreise, die Tonys. Auch Schillers „Maria Stuart“ hofft neben Becketts „Warten auf Godot“ und ein paar amerikanischen Aktualstücken auf die Auszeichnung. Ein Rundgang über den Broadway.

          Die Obamas, die am vergangenen Wochenende mit ihrem Theaterbesuch den Broadway kräftig durcheinandergewirbelt haben, sind ins falsche Stück gegangen. Das meint zumindest der Kollege von der „New York Times“. Sie haben sich August Wilsons „Joe Turner's Come and Gone“ angesehen, ein 1988 uraufgeführtes Drama aus dem zehnteiligen Zyklus, der das Los der Afroamerikaner im vergangenen Jahrhundert behandelt. Naturgemäß muss ein Präsident auch mit der Wahl seiner Abendunterhaltung Zeichen setzen. Aber wirklich aufschlussreich für seinen immer noch recht neuen Job in Washington wäre, wie die „Times“ meint, ein ganz anderes Schauspiel gewesen. Ein Trauerspiel. Es heißt „Maria Stuart“ und stammt von Friedrich Schiller.

          Darin hätten der Präsident und seine First Lady erfahren können, in welch brenzlige Lage er als Staatsoberhaupt geraten ist. Das Weiße Haus zu Washington, ist es denn nicht auch wie einst der Palast zu Westminster eine Schlangengrube, in der am Ende der Herrscher nur eine Chance hat, in furchtbarer Einsamkeit und beständigem Misstrauen gegenüber allem und jedem zu überleben? Ein nüchternes Lehrstück für höhere und allerhöchste Beamte wäre freilich am Broadway fehl am Platze.

          Ein toller Effekt nach dem andern

          Von Phyllida Lloyd extrem minimalistisch in Szene gesetzt, offenbart sich „Maria Stuart“ als maximalistisch ausgereizter Schauspielerinnenkampf, als Divenduell im historischen Kostüm, aber ohne Bandagen. Hätte Schiller nicht die Begegnung der beiden Königinnen im Schlosspark von Fotheringhay dazuerfunden, wäre es wohl kaum zu dem Revival in London gekommen, das dann von dort nach New York exportiert wurde. Mitreisen durften zwei Virtuosinnen der englischen Bühne, Janet McTeer und Harriet Walter, die sich buchstäblich in die Haare geraten müssen, ungeachtet ihrer Retro-Roben. Die Männer tragen aktuellen Geschäftsanzug, auch im Park, in dem gerade ein Wolkenbruch niedergeht. Der Himmel schluchzt auf Maria Stuart herab, obwohl die sich doch über den raren Ausflug aus ihrem Gefängnis ins Freie unbändig freut.

          Barack Obama vor dem Rückflug Richtung Washington, nach einem privaten Theaterbesuch in New York

          Janet McTeer hopst denn auch ausgelassen durch den Regen, der schlagartig abgedreht wird, als Elisabeth samt Entourage nicht ganz ungeplant vorbeirauscht. Hier die pudelnasse Maria, dort die hoheitsvolle und obendrein brottrockene Elisabeth. Klar, wer da im Vorteil ist. Bis Maria sich in eine Furie verwandelt und der Cousine in animalischer Wut das Wort entgegenschleudert, mit dem sie ihr eigenes Todesurteil spricht: Bastard! Beeindruckend ist es schon, wie die McTeer das aufbaut, wie sie von demutsvoller Unterwürfigkeit bis zur ungeheuren Majestätsbeleidigung ein wuchtiges, raumgreifendes Crescendo anlegt und dabei ihr Mienenspiel sich immer grotesker verzerrt. Ein toller Effekt nach dem andern. Und jeder läuft Gefahr, sich zu verselbständigen.

          Als realistisches Illusionstheater unverwüstlich

          Auch Elisabeth, von Harriet Walter viel weicher intoniert, wodurch die königlich verlogenen Ausbrüche und Schärfen umso schauerlicher klingen, scheut nicht die dramatische Überzeichnung. Sind es nicht die Schauspieler, die der großen Geste huldigen, dann setzt mit krachenden Lichtwechseln die Szene ihre Ausrufungszeichen. So nähert sich das Virtuosentheater dem Actionfilm, dessen Action die Verästelungen des Plots beiseitefegt. Es ist der Preis, den ein Klassiker am Broadway zu zahlen hat, und ganz ungeschoren bekommt natürlich auch Schiller keinen Zutritt. Peter Oswald wird nicht nur als Übersetzer, sondern als Verfasser einer neuen Version genannt, was bedeutet, dass er das Stück stark gerafft hat, in einem klaren, schnörkellosen, bisweilen allzu akuten Englisch: Schiller ließ vor zweihundertundneun Jahren noch niemanden auf England pissen.

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