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Telemanns 250. Todestag : Der größte Komponist seiner Zeit

Magdeburg feiert seinen berühmten Sohn: Eine Skulpturengruppe zeigt Georg Philipp Telemann in barocker Tracht, umgeben von allegorischen Figuren der vier Temperamente. Bild: Picture-Alliance

Der Todestag von Georg Philipp Telemann jährt sich zum zweihundertfünfzigsten Mal. Siegbert Rampes exzellente Biographie erzählt vom Ansehen eines Komponisten, das selbst über Eheskandale erhaben war.

          Im Alter von neunundfünfzig Jahren, kurz nach der Scheidung von seiner zweiten Frau, gab Georg Philipp Telemann einer neuen Liebe nach: der „Bluhmen-Liebe“, wie er brieflich gestand. Der Komponist wurde Gärtner. Vor den Toren Hamburgs pflanzte er Chinesischen Hanf und Chinesische Astern, Aloen und Säulenkakteen, Blumen aus Polen und was ihm Freunde und Kollegen wie der Geiger Johann Georg Pisendel oder die Komponisten Georg Friedrich Händel und Carl Heinrich Graun per Post zukommen ließen. Nicht weniger als 63 Pflanzenarten verzeichnet die Liste, die Telemann seinem Freund Johann Friedrich Armand von Uffenbach in Frankfurt am Main zusandte. Telemann blühte auf.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Grund für dieses Hobby, so darf man es wohl bezeichnen, war eine jäh nachlassende Arbeitslast. Telemann verantwortete in Hamburg als Städtischer Musikdirektor nicht nur die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen, hatte nicht nur jahrelang nebenbei die Oper am Gänsemarkt geleitet; er hatte auch noch einen eigenen Verlag betrieben, für den er mehrheitlich selbst die Noten in Kupferplatten für den Druck stach. Dieser Mann muss pausenlos gearbeitet haben. Doch 1739 reduzierte er sein Pensum und löste seinen Verlag auf. Den Grund dafür glaubt Siegbert Rampe jetzt gefunden zu haben, und seine Argumente leuchten ein. Telemann hatte seinen Verlag im Jahr 1725 nicht aus vordringlich künstlerischen Interessen gegründet, sondern weil er Geld brauchte. Kurz zuvor nämlich hatte ihn seine zweite Frau Maria Catharina mit einem andern Mann betrogen – dass es ein schwedischer Offizier gewesen sei, hält Rampe für nicht gesichert – und immense Spielschulden angehäuft: insgesamt fünftausend Reichstaler oder mehr als fünfzehntausend Mark. Für einen Kirchenmusikdirektor war beides ein Skandal: Spielsucht und Ehebruch. Aber er ging in seiner Reputation völlig unbeschädigt aus dieser Angelegenheit hervor. Die Hamburger Bürgerschaft half ihm sogar mit einer Spende von sechshundert Reichstalern; seiner Ämter ging er nicht verlustig. Doch lebte er mit seiner Frau fast fünfzehn Jahre lang getrennt von Tisch und Bett, bevor sie zurückging in ihre Geburtsstadt Frankfurt am Main. Da wurde Telemann zum Gärtner.

          Zweihundert Suiten in drei frühen Jahren

          Eine ausführliche, durch Quellenkritik gesicherte Biographie des Komponisten, der 1681 in Magdeburg zur Welt kam und an diesem Sonntag vor 250 Jahren, am 25. Juni 1767, in Hamburg starb, lag bislang nicht vor. Die Telemann-Literatur ist überschaubar. Viele Autoren verließen sich auf die vier autobiographischen Skizzen, die Telemann selbst – mit großem literarischen Geschick übrigens – verfertigt hatte. Die Angaben darin konnte Rampe, versierter Cembalist, Pianist und Musikwissenschaftler, nun prüfen und gegebenenfalls korrigieren. Neueste Spezialstudien von Michael Maul zur frühen Leipziger Zeit oder von Annemarie Clostermann und Jürgen Neubacher zu Telemanns Hamburger Wirken konnte Rampe bereits mit einbeziehen. Was es an gesicherten Fakten über Telemann zu wissen gibt, das ist nun kompakt und übersichtlich versammelt.

          Dass sich die Forschung zweieinhalb Jahrhunderte lang nicht so emphatisch für Telemann interessierte, hat mit der früh in Umlauf gebrachten Abwertung als „Vielschreiber“ zu tun. Viel geschrieben hat Telemann in der Tat. Allein tausendneunhundert Kirchenkantaten und sechsundvierzig Passionen lassen sich nachweisen; von etwa zweihundert Orchestersuiten im polnischen und französischen Stil nur für die drei frühen Jahre von 1705 bis 1708 im schlesischen Sorau muss man ausgehen, dazu eine Unmenge an Kammermusik in verschiedensten Besetzungen und mehrere Opern auf mehrsprachige Libretti.

          Wenn er ein „Vielschreiber“ war, dann Mozart auch

          Wo ihm jedoch die Nachwelt die „Tiefe“ eines Johann Sebastian Bach und die „Größe“ eines Georg Friedrich Händel absprach, da gehörten diese Zeitgenossen zu Telemanns größten Verehrern. Mit Händel stand er von 1701 bis 1754 in Korrespondenz, mit Bach war er als Taufpate von dessen zweitältestem Sohn Carl Philipp Emanuel familiär verbunden. In Leipzig wäre er 1722 die erste Wahl des Stadtrats als Thomaskantor gewesen, bevor man sich auf Bach – dritte Wahl – einigte. Telemann galt als der größte Komponist Deutschlands seiner Zeit, geliebt vom Publikum, geachtet von den Behörden – es gab so gut wie niemals Beschwerden über seine Amtsführung – und aufrichtig geschätzt von seinen besten Kollegen.

          Telemann, der schon als Zwölfjähriger – ohne professionelle Schulung – damit begann, eine Oper zu schreiben, und der noch als Fünfundachtzigjähriger seine letzte Passion in Hamburg komponierte, bewies in etwa die gleiche Produktivität wie Wolfgang Amadeus Mozart, nur bei mehr als doppelt so langer Lebenszeit. Warum man Telemann einen „Vielschreiber“ schimpft, Mozart aber nicht, möchte Rampe gern von der Welt und ihren Kunstrichtern wissen. Telemann, dessen Kammerquartette in Paris mit großem Erfolg verlegt wurden und der selbst das Angebot bekam, Hofkapellmeister des russischen Zaren zu werden, besaß eine große Gabe, auf verschiedene Geschmäcker und stilistische Umbrüche zu reagieren. Er begann in der Welt des späten siebzehnten Jahrhunderts und näherte sich im Spätwerk der schlichten Grazie der Frühklassik an. Die Zeitschrift „Der Critische Musicus“ von Johann Adolph Scheibe hat er ebenfalls mit initiiert und damit immens zur Bildung einer bürgerlichen Öffentlichkeit in Deutschland beigetragen.

          Aus dem Garten zurück ins Schaffen

          Die stilistische und ästhetische Diskussion, warum Telemann nicht nur aus der Sicht seiner Zeitgenossen ein Komponist höchsten Ranges war und ist, müsste allerdings noch geführt werden. Bei Rampe bleibt dieser Rang vorerst noch Behauptung. Auch wüsste man gern, ob Telemanns zweite Frau – die erste starb jung nach der Geburt der ersten Tochter – in irgendeinem Verwandtschaftsverhältnis zur Mutter von Johann Wolfgang von Goethe stand. Wie diese nämlich war sie Frankfurterin und eine geborene Textor.

          Siegbert Rampe: „Georg Philipp Telemann und seine Zeit“. Laaber-Verlag, Laaber 2017. 570 S., geb., 44,80 €.

          Dafür aber bietet Rampes Buch nicht nur Verlässlichkeit bei Daten und Fakten, ein umfangreiches Werkverzeichnis und eine kommentierte Edition der vier Autobiographien Telemanns. Es erzählt dessen Leben auch so, dass dieser Mann – fern jeglicher Spekulation – dem Leser plastisch wird: in seiner Arbeitsfreude, seiner Aufgeschlossenheit aller Mitwelt gegenüber und in seinem späten Glück mit dem Enkel Georg Michael, den er nach dem Tod seines Sohnes Andreas zu sich nahm und – endlich – zum Musiker ausbildete, nachdem die Söhne Pfarrer, Gewürzhändler und Chirurg geworden waren. Durch dieses Kind fand Telemann den Weg aus seinem Garten zurück ins Schaffen. Oder wie Rampe es formuliert: „1755 – im Alter von 74 Jahren, in dem andere sich damals längst zurückgezogen hatten – drehte Telemann noch einmal auf.“ Es scheint ein frohes Leben gewesen zu sein.

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