https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/vor-200-jahren-wurde-der-komponist-louis-lewandowski-geboren-17306706.html

Louis Lewandowski : Synagoge mit Orgel

  • -Aktualisiert am

Noch heute werden Louis Lewandowskis Melodien in vielen Synagogen weltweit gesungen. Bild: ddp

Vor 200 Jahren wurde der Komponist Louis Lewandowski geboren. Er steht für den Erhalt jüdischer musikalischer Tradition in veränderter Form. Noch heute werden seine Melodien in vielen Synagogen weltweit gesungen.

          3 Min.

          Für die einen ist er ein bedeutender Reformator der synagogalen Musik, für die andern sind seine Werke Relikte eines heute kritisch zu hinterfragenden Assimilationsgeistes des neunzehnten Jahrhunderts: Vor zweihundert Jahren, am 23. April, nach anderen Quellen schon am 3. April 1821, wurde der jüdische Komponist Louis Lewandowski in Wreschen in der damals preußischen Provinz Posen geboren. Mit nur zwölf Jahren schickte ihn seine Familie aus finanziellen Gründen nach Berlin, wo der musikalisch talentierte Knabe als „Singerl“ im Chor der Synagoge Heidereutergasse unterkam. Im Gegenzug sorgte die Jüdische Gemeinde für seinen Lebensunterhalt und ermöglichte ihm den Besuch eines Gymnasiums.

          Der Bankier Alexander Mendelssohn, ein Enkel des bedeutenden jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn sowie Cousin von Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy, erkannte das musikalische Potential des jungen Mannes und förderte ihn. Dank dessen Hilfe konnte sich Lewandowski nach einer bravurös bestandenen Aufnahmeprüfung als erster Jude überhaupt an der Akademie der Künste immatrikulieren. Nach seinem Studium wurde er 1840 Chorleiter des neu gegründeten vierstimmigen Männer- und Knabenchores in der Synagoge Heidereutergasse.

          Radikale Erneuerung liturgischer Musik

          Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebten in Berlin etwa sechstausend Juden, rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Seit dem preußischen Emanzipationsedikt von 1812 wurden sie nicht mehr als Fremde angesehen, sondern anderen Staatsbürgern – zumindest juristisch – weitgehend gleichgestellt. Die neuen Freiheiten führten im Zusammenspiel mit der Haskala, einer jüdischen Reform- und Emanzipationsbewegung aus dem Geiste der Aufklärung, zu großen Veränderungen im jüdischen Denken und in der jüdischen Tradition. Vor allem eine säkular gebildete, großbürgerliche Oberschicht forderte einen zeitgemäßen Synagogengottesdienst, der weniger auf religiöse Grundsätze als vielmehr auf Religionspraxis zielte und auch eine radikale Erneuerung liturgischer Musik zur Folge hatte.

          Wie schon Salomon Sulzer in Wien oder Samuel Naumbourg in Paris orientierte sich Lewandowski an der zeitgenössischen katholischen und protestantischen Kirchenmusik, vor allem an Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy. Er arrangierte allerdings auch die in der polnisch-litauischen Tradition verwurzelten, mündlich tradierten Melodien, die der neue Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlins, Jakob Lichtenstein, bei seinem Amtsantritt 1845 mitbrachte.

          Orgel als reines Begleitinstrument

          Im Lauf der Jahre konnte Lewandowski seinen Einfluss immer weiter ausbauen, wurde 1865 zum Königlich Preußischen Musikdirektor, später sogar zum Professor an der Akademie der Künste ernannt. 1866 übernahm er schließlich den Posten des Chordirigenten in der neu erbauten Synagoge Oranienburger Straße. Anders als in den meisten jüdischen Gemeinden, die bis heute das nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 nach Christus eingeführte Verbot von Musikinstrumenten wahren und nur vokal musizieren, hatte das Gotteshaus trotz Kritik auch eine Orgel zur Gesangsbegleitung.

          Lewandowskis neue Tätigkeit ging mit einer umfassenden publizistischen Tätigkeit einher. 1871 erschien „Kol Rinnah u-T’fillah“ (Stimme des Gesangs und des Gebets) für ein oder zwei Stimmen, die erste gedruckte Sammlung, die Kompositionen für das komplette jüdische liturgische Jahr versammelt. 1876 und 1882 folgte die zweibändige Sammlung „Todah W’simrah“ (Dank und Gesang) für vierstimmigen Chor, Soli und Orgel ad libitum. Lewandowskis kompositorischer Beitrag wird allerdings in der Forschung durchaus kritisch gesehen. Zum einen orientierte er sich etwas zu ausgiebig an Lichtensteins Chasanut (kunstvoller Gesang eines professionellen Vorbeters), verschweigt jedoch den Kollegen in seinen Veröffentlichungen. Zum anderen zeichnen sich Lewandowskis Kompositionen durch Schlichtheit aus. Er vermeidet virtuose Melismen, verbannt improvisatorische Elemente und benutzt die Orgel als reines Begleitinstrument, auch um kleineren Gemeinden die Möglichkeit zur adäquaten Gestaltung des Gottesdienstes zu geben.

          Zum zweihundertsten Geburtstag

          „Das größte Verdienst Lewandowskis besteht also gewiss nicht in der Originalität seiner Werke – dafür war seine persönliche kompositorische Begabung nicht genug ausgeprägt –, sondern in dem Erhalt der jüdischen musikalischen Tradition in einer veränderten Form“, fasst der Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov zusammen. Und trotzdem mit großem Erfolg: Lewandowskis Sammlungen erfreuten sich überregionaler Beliebtheit und zählen heute zum Standardrepertoire der jüdischen liberalen Sakralmusik.

          Zum zweihundertsten Geburtstag erscheint beim Label Deutsche Grammophon die Weltersteinspielung einer anderen populären Sammlung: Der ungarische Dirigent Andor Izsák hat gemeinsam mit den Chor des Ungarischen Rundfunks Lewandowskis „Achtzehn liturgische Psalmen“ für Soli, vierstimmigen gemischten Chor und Orgel eingespielt. Ein anderes Geburtstagsgeschenk könnte indes die Musikwissenschaft überbringen: Es spricht Bände, dass bislang weder die „Musik in Geschichte und Gegenwart online“ noch der „Grove Musik online“ – die zwei bedeutendsten Fachlexika – Lewandowskis Verdienste mit einem Personeneintrag würdigen.

          Weitere Themen

          Totentanz, liebestrunken

          „Turandot“ in Amsterdam : Totentanz, liebestrunken

          Da kann die wahrhaft Liebende nur den Kopf schütteln: Barrie Kosky und Lorenzo Viotti inszenieren mit den Niederländischen Philharmonikern effektvoll die Widersprüche in Puccinis „Turandot“.

          Wozu wir fähig sind

          Martha Nussbaums Tierethik : Wozu wir fähig sind

          Gibt es das gute Leben aus dem Katalog? Ja, wenn die Liste der förderungswürdigen Bestrebungen ständig mit den Funden der Verhaltensforschung abgeglichen wird. Im Gespräch gibt die neue Balzan-Preisträgerin Martha Nussbaum einen ersten Einblick in ihr Buch über Tierethik.

          Topmeldungen

          Als DFB-Direktor mitverantwortlich für die Nationalmannschaft: Oliver Bierhoff

          Nach WM-Debakel in Qatar : DFB und Oliver Bierhoff trennen sich

          Oliver Bierhoff verlässt den Deutschen Fußball-Bund. Der ursprünglich bis in das Jahr 2024 laufende Vertrag mit dem DFB-Direktor wurde vorzeitig aufgelöst. Über die Nachfolge sollen nun die DFB-Gremien beraten.
          Migranten im Oktober 2022 auf den Bahngleisen in der Nähe der Grenze zwischen Serbien und Ungarn.

          EU-Aktionsplan zum Westbalkan : Viel Aktion, wenig Plan

          Die tieferen Ursachen der Migrationswelle über den Balkan haben mit dem Balkan wenig zu tun. Der Aktionsplan der EU-Kommission wird deshalb nicht der letzte gewesen sein.
          Guter Tag für Porsche: VW- und Porsche-Chef Oliver Blume (links) und Porsche-Finanzvorstand Lutz Meschke beim Börsengang Ende September in Frankfurt

          Fast Entry : Porsche steigt in den Dax auf

          Eine sehr gute Kursentwicklung seit dem Börsengang lässt die Porsche AG sogleich in den Dax springen. Nur noch zwei Autohersteller auf der Welt sind wertvoller.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.