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Mayenburg-Uraufführung : Schwups, schon fliegt das Abendland zum Fenster raus

  • -Aktualisiert am

Jenny König und Moritz Gottwald in „Nachtland“ Bild: david baltzer / bildbuehne.de

Ein echter Hitler auf dem Dachboden? Marius von Mayenburg inszeniert seine neue Komödie „Nachtland“ um ein Aquarell an der Berliner Schaubühne.

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          Wie entscheidend so ein klitzekleiner Querstrich in einem Buchstaben doch sein kann: Aus einem „l“ wird dann ein „t“, und schon ist das Aquarell, das die Kinder auf dem Dachboden ihres gerade verstorbenen Vaters entdeckt haben, nicht mehr von „A. Hiller“ signiert. Es wurde, denken sie, ausgerechnet von Adolf Hitler gemalt. Und nun? Der Dramatiker Marius von Mayenburg liebt solche Versuchsanordnungen mit Verstrickungen in die deutsche Vergangenheit. Sein neuester Streich heißt „Nachtland“ und ist eine Komödie über Nazis, Antisemitismus, Schuld, den Kunstbetrieb und unerwartete Differenzen in Beziehungen. Als sein eigener Regisseur hat von Mayenburg jetzt die Uraufführung in der Berliner Schaubühne inszeniert und dabei weniger das Komische als das Banale betont, das Durchschnittliche, nicht die Extreme.

          Die Bühne ist besenrein

          Fast wie in einem Lehrstück wird der Text, in dem sich die Figuren oft erzählend und erklärend direkt ans Publikum wenden, ohne viel Aktion oder Bewegung aufbereitet. Die Bühnenbildnerin Nina Wetzel hat dafür einen braunen Flokati-Teppich über Wand und Boden verlegen lassen und die Bühne bis auf einen gemusterten Drehstuhl besenrein gehalten, denn der Mietvertrag wurde bereits gekündigt. Genija Rykova und Moritz Gottwald sind als Nicola und Philipp die gereizt-verzankten Geschwister, die nicht wissen, wie mit dem ominösen Aquarell umgehen: Behalten, verkaufen, vernichten, einem Museum schenken? Wo kommt es überhaupt her? Gab es Nazis in der Familie, die stets so anständig tat? Eine ziemlich rechts außen angesiedelte Sachverständige schätzt das Bild als echt ein, unter anderem, weil alle Details mit großer Liebe ausgearbeitet sind. „Liebe ist typisch Hitler?“, fragt verdutzt Judith, die jüdische Frau von Philipp. Über sie sagt Julia Schubert als Hitlerkunst-Expertin später: „Man sieht’s ihr gar nicht an.“

          Spiel der Bilder: „Nachtland“ an der Berliner Schaubühne
          Spiel der Bilder: „Nachtland“ an der Berliner Schaubühne : Bild: david baltzer / bildbuehne.de

          Immer schriller steigert Marius von Mayenburg seinen intelligenten, witzigen Diskurs über den ganz alltäglichen Antisemitismus – aus der bürgerlichen Mitte wie von links, gut gemeint oder gezielt demütigend. Nicola ist von Judith genervt, die „überall den Hitler sieht“ und jede „Kritik an Israel“ zerpflückt, während Philipp stolz darauf ist, als Deutscher mit einer Jüdin verheiratet zu sein. Damir Avdic als Fabian, Nicolas Mann, ist in jeder Hinsicht ein Tollpatsch, der sich prompt schneidet und vergiftet, als er das Aquarell aus dem Rahmen löst. Keiner hat ein freundliches Wort für den anderen, alle wissen alles besser. Rein typenmäßig könnten sie eine zerstrittene Erbengemeinschaft in einer klassischen Boulevardkomödie sein, gäbe es nicht den Bezug zur Nazizeit und deren kontaminiertem Nachlass.

          Einerseits ist dieser groteske Spagat zum Lachen, andererseits zutiefst schockierend. Dementsprechend hat Sébastien Dupouey in famosen Videos die Postkartenidyllen paraphrasiert, die Hitler als erfolgloser Maler in Wien anfertigte. Begriffe wie Heimat, Natur und Landschaft werden so auf einer visuellen Ebene hinterfragt und weitere Denk- und Debattierräume eröffnet. Problematisiert wird auch die deutsche Musik zumal von Richard Wagner, die subkutan unter die Filme gemischt ist. Zwischendrin stimmen die Darsteller den Pilgerchor aus „Tannhäuser“ oder Schumanns Heine-Vertonung „Anfangs wollt ich fast verzagen“ an. Das vom Dachboden geholte Bild ist nie zu sehen, stattdessen starrt das harmonisch aufspielende Ensemble konzentriert in den Saal, wenn es darüber spricht, als wäre das Publikum das Corpus Delicti für die doch nicht nur blütenweiße Chronik der Familie.

          Antisemitismus, so erläutert am Schluss der dubiose Käufer des Bildes, taucht quer durch die Geistes- und Kunstgeschichte überall auf, bei Luther, Kant und Marx, bei Voltaire, Goethe, Wilde, Dostojewski, den Brüdern Mann, Céline, T. S. Eliot sowie unzähligen anderen. Und wenn man nicht die Kunstwerke radikal von ihren Schöpfern abgrenzt, „schmeißen wir das ganze Abendland zum Fenster raus“. Da ist schon etwas dran, bloß was?

          Als Autor wird Marius von Mayenburg hier immer verstiegener und un­motivierter, als Regisseur begnügt er sich mit leichthändig-unverbindlichen Arrangements. Alle Schauspieler sind während der knapp zweistündigen Aufführung fast andauernd auf der Bühne, sitzen und stehen herum, wirken trotz aller interessanten Reflexionen aber meist unterbeschäftigt: Viel Theorie, wenig Theater!

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