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Situation der Neuen Musik : Von der Kunst, an der Macht zu bleiben

Reicht die Kraft von Pauken- und Beckenschlag, um der Neuen Musik Aufmerksamkeit zu verschaffen? Bild: Donaueschinger Musiktage

Die Neue Musik sorgt sich um Relevanz, Reichweite und Legitimation. Dass sie dabei politisch willfährig und ästhetisch gefällig wird, ließ sich bei den Donaueschinger Musiktagen studieren.

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          Die Neue Musik, als ästhetisch-ideologische Bewegung, sitzt in der Falle. Die hat sie sich selbst gestellt. Denn wo ihre Material- und Verfahrensdiskurse so dramatisch an Dringlichkeit und Nachvollziehbarkeit verloren haben, macht sich die Kunst doppelt erpressbar: zum einen für politische Willfährigkeit, zum anderen für ästhetische Gefälligkeit. Das haben die Donaueschinger Musiktage in diesem Jahr erschütternd bewiesen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Relevanz- und Reichweitenproblem der Neuen Musik war so lange nicht existenziell, wie sie einem demokratischen Gemeinwesen weismachen konnte, dass die Erschließung neuen Materials und neuer Technologien per se kritisch sei, sich gegen gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen, gegen den „totalen Verblendungszusammenhang“ und die „Kulturindustrie“ richten würde. Doch die Performance-Künstlerin Mara Genschel hat in ihrer witzig-giftigen Laudatio auf „100 Jahre Donaueschinger Musiktage“ ausgesprochen, was längst alle wussten: Dieses Festival als Inbegriff der Neuen Musik und der Avantgarde ist nie der Modellversuch des herrschaftsfreien Diskurses gewesen. Vielmehr wurde hier eine „Performance der Gnadenlosigkeit“ gepflegt, die sich im jahrzehntelangen Wegbeißen von Konkurrenten oder Korrektoren äußerte. Macht kam hier, wie Genschel es auf den Punkt brachte, nicht nur zum Ausdruck, sondern wurde geradezu gefeiert, nicht ausschließlich, aber auch „als Reflex patriarchalischer Strukturen“. Herrschaftskritik in der Neuen Musik war vor allem eine Strategie der Dominanzsicherung von Schulen, Kartellen und Einzelfiguren.

          Doch nun gerät der ästhetisch-monetäre Komplex, für den Donaueschingen beispielhaft steht, durch die gleichen sozialen Umbrüche in die Krise, die alle Einrichtungen der Hochkultur in Frage stellen: Opern, Theater, Rundfunkorchester oder die Kulturradios. Der SWR als Hauptgeldgeber der Donaueschinger Musiktage steht selbst mitten in Reformen und hat gerade mittels der Ersetzung des traditionellen Sendeplatzes für geistliche Musik durch ein Kriminalhörspiel das Verhältnis zwischen Erbauung und Unterhaltung neu zu justieren gesucht. Da tritt auch für die Neue Musik die Ära einer subventionsgeschützten Hegemonie in ihr Abendrot. Welche Konsequenzen das für die Kunst und ihr „Exzellenzversprechen“ haben wird, deutete Genschel in ihrer Laudatio ebenfalls schon bissig an: „Je höher die Subventionen, desto strenger die Geldgeber.“

          Die Politik verlangt auch hier eine Dekolonisierung

          Noch sieht alles äußerlich gut aus. Der SWR steht zum Festival, die Stadt Donaueschingen und die Gesellschaft der Musikfreunde tun es auch. Der scheidende Intendant Björn Gottstein, der zur Ernst von Siemens-Musikstiftung wechseln und die Festivalleitung an Lydia Rilling übergeben wird, hat für die Jubiläumssaison sogar zusätzliches Geld auftreiben können: 400 000 Euro von der Bundeskulturstiftung aus den Mitteln des Förderschwerpunkts „Globaler Süden“ zur Diversifizierung und Dekolonialisierung unserer eigenen Kultur. Damit wurde dann in Donaueschingen der Programmschwerpunkt „global“ gefördert, der Komponistinnen und Komponisten aus Regionen der Erde vorstellte, die normalerweise unterrepräsentiert sind bei den Festivals Neuer Musik.

          Doch was bekam man, beispielsweise im Konzert des Klangforums Wien unter der Leitung von Bas Wiegers, zu hören? Musik aus Kolumbien, Iran und Südafrika, die dem technologischen und materiellen Innovationsimperativ der Neuen Musik europäischer Prägung etwas entgegensetzen würde? Musik, die in Gestaltvorräten, nicht in Materialvorräten denkt? Musik, die auf erschlossene Sprachzusammenhänge eingeht, statt sie zu dekonstruieren? Nichts von alledem.

          Zu hören waren Werke für eine westeuropäisch geprägte Ensemblebesetzung, die sich ganz und gar den Praktiken westlichen Denkens unterworfen hatten. Die Autorinnen und Autoren studierten alle bei den Granden der Neuen Musik in Europa oder den Vereinigten Staaten und pflegen die gleiche, mehr oder minder interessante Konservatoriumsmoderne, die man von ihren hiesigen Kommilitonen kennt. Präsentiert wurde ein globaler Süden, der den Norden imitiert, nicht korrigiert. Damit hat der enge Schulterschluss zwischen Rundfunk, Kunst und Politik nur zur Dominanzbestätigung, nicht zur produktiven Verunsicherung geführt. Nur änderte sich die Begründung für die eigene Herrschaft: Sie ist jetzt durch ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter des globalen Südens legitimiert.

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