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Situation der Neuen Musik : Von der Kunst, an der Macht zu bleiben

Ganz ähnlich liegt der Fall der politischen Geschicklichkeit beim Stück „Unhistoric Acts“ für Streichquartett und Vokalensemble von Chaya Czernowin, das vom SWR und The Crossing Philadelphia beauftragt und bezahlt wurde. Man hört zunächst tonlose Bartók-Pizzicati des Quartetts, perkussives Zupfen, Atemlaute, die Vokale „A – E“, auch in Quinten gesungen, Zischen mit Flüstertüten. Vom Text ist nichts zu verstehen bis auf die Worte „apologizing to George Floyd“. Durch diese Bezugnahme allein, nicht durch eine auf sonstige Weise spürbare Empathie für die Opfer des weißen Rassismus gegen Schwarze, durch ein integrales Rechnungtragen der Kunst gegenüber ihrem Gegenstand, wird das Werk zum Bekenntnis der „Wokeness“. Es solidarisiert sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung möglichst schnell und preiswert.

Ohne den Rest des Werks zu ändern, hätten die einzig verständlichen Worte auch lauten können „Woman is the Nigger of the World“ oder „how dare you“, um die Komposition für jeweilige Förderziele passend zu machen. Wo die innerkünstlerische Substanz nicht mehr ausreicht, Menschen zu ergreifen, zu bewegen oder in größerem Ausmaß Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, muss es die aufgeklebte Botschaft tun. Es steht zu erwarten und ist längst zu beobachten, dass die Komponistinnen und Komponisten nun ihre Etüden in Wokeness so beflissen abliefern, wie ihre Metierkollegen einst unter Stalin Erntehelferballette und Traktoristenballaden komponierten.

Wir brauchen eine neue Sprachfähigkeit der Musik

Studieren kann man daran vor allem, wie man aus Problemen, die außerhalb der Kunst dringend gelöst werden müssen, weil sie innerhalb der Kunst gar nicht gelöst werden können, trotzdem Profit schlägt und diesen Profit auch noch privatisiert. Wokeness wird dabei zu einem smarten Move, sich die eigene Betriebs- und Diskursdominanz weiterhin zu sichern unter Wahrung des gesellschaftlichen Konsenses bei gleichzeitiger Garantie möglichst großer Aufmerksamkeit. Auf ein staatlich subventioniertes Stück zu einer Textcollage über die Dresdner Messerattacke auf ein Männerpaar vom 4. Oktober 2020 werden wir vermutlich länger warten müssen, weil erstens der Täter nicht ins Förderprofil des „Globalen Südens“ passt und zweitens weiße schwule Männer in der Opfergruppenhierarchie als weniger attraktiv gelten.

Glücklicherweise hatte Donaueschingen mehr zu bieten als politischen Opportunismus. Die „Tableaux I bis III – Drei Skizzen für Orchester“ von Beat Furrer sind malerisch suggestiv, virtuos, kontrastreich und dramaturgisch bezwingend, Orchestermusik, die fortleben kann. Das Stück „Čvor“ von Milica Djordjević ist ein sechzehnminütiger Blutsturz, schmerzhaft und mitreißend ohne politische Gebrauchsanweisung. „Somewhere in the distance (lost in the horizon)“ von Christian Mason wird mit seiner Finesse im Raumklang und seinen filmmusikalischen Anklängen an Psychothriller sicher auch ein philharmonisches Publikum faszinieren, das hauptsächlich Bruckner, Ravel und Sibelius hört. Grundsympathisch ist das neue Klavierkonzert der Australierin Liza Lim, bei dem die Solistin Tamara Stefanovich auch sang: Musik in liebevoller Weltzugewandtheit, die sich eine besondere Form von Mütterlichkeit als Gewähren von Obhut und Zuversicht zum Programm gemacht hat.

All diese Werke sind Beispiele für den Versuch, aus den selbstzerstörerischen Material- und Verfahrensdiskursen der Avantgarde, die Johannes Kreidler in seinem witzig-schlauen Film „20:21 Rhythms of History“ gnadenlos auf das von Adorno inspirierte Dogma „Gebrauch ist Verbrauch“ zugespitzt hat, auszubrechen. Wir brauchen solche Versuche, die mit Anstand und ohne kalkulierte Gefälligkeit um eine neue Sprachfähigkeit von Musik ringen. Das Oratorium „The Red Death“ von Francesco Filidei – nach Edgar Allan Poe in einer exzellenten Textfassung von Hannah Dübgen – gab hingegen den Versuchungen zynischer Verzweiflung nach. Es entließ die Hörer am Ende der Musiktage in einem Dur von limonadenhafter Süße, wie selbst Andrew Lloyd Webber es nur selten verwendet. Dass es dafür auch noch den SWR-Orchesterpreis bekam, zeigt, wie überlebenswichtig der Populismus hier künftig werden wird.

Die „Laus im Pelz“ des auf Entertainment ausgerichteten Musikbetriebs, wie Helmut Lachenmann es sich in seinem Grußwort zur Hundertjahrfeier wünschte, konnten die Donaueschinger Musiktage immer nur sein als die Made im Speck. Das ist die polit-ökonomische Wahrheit hinter ihrer Diskursdominanz.

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