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Streit an der Volksbühne : Gekommen, um zu bleiben

Sieht so der vierte apokalyptische Reiter aus? Chris Dercon, der designierte Nachfolger von Frank Castorf. Bild: dpa

Der Streit an der Berliner Volksbühne nimmt immer obskurere Formen an. Wie konnte er derart aufbranden - und worum geht es eigentlich?

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          Das Theater ist das verwöhnte Einzelkind unter den subventionierten Künsten: trotzig, rotzig und häufig von sich selbst gelangweilt. Viel stärker noch als die Gegenwartsliteratur zweifelt es ständig an seiner Bestimmung und Funktion und beäugt argwöhnisch seinen Standort in der Gesellschaft und in der Hackordnung der Künste. Es versteht sich gern als antibürgerlich, hängt aber am Tropf einer öffentlichen Finanzierung, die in einer zutiefst bürgerlichen Tradition wurzelt. Das hat Folgen: Scheel blickt es auf sein Publikum, scheel blickt es auf sich selbst. Mal mit Grabesstimme, mal in höchsten Tonlagen kreischend, fragt es, was um Himmels willen es denn in der durchdigitalisierten Mediengesellschaft noch wollen soll, ist aber mit keiner Antwort zufrieden. Mehr noch: In der Regel verbittet es sich Antworten auf von ihm selbst gestellte Fragen als unverschämte Einmischung von inkompetenter Seite. Der Empörungseifer ist dabei oft amüsanter anzusehen als manches, was auf den Bühnen gezeigt wird.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Was das Theater offenbar unter gar keinen Umständen will, hat jetzt einen Namen bekommen. Er lautet: Chris Dercon. Der designierte Nachfolger des scheidenden Intendanten Frank Castorf soll 2017 die Berliner Volksbühne übernehmen und verkörpert zurzeit für Teile der Theaterwelt offenbar alles, was man hasst und fürchtet (F.A.Z. vom 22. Juni). Dercon, von dem man nicht sagen kann, dass er aus dem Nichts käme, schwebt über der Volksbühne wie der vierte apokalyptische Reiter. Er wird behandelt, als sei er eine durch und durch obskure Figur, eine maligne Mischung aus Hochstapler, Auftragskiller und Hedgefonds-Manager, eine Heuschrecke des Kulturbetriebs, der einerseits mit Hilfe vollständig ahnungsloser Lokalpolitiker, andererseits aber irgendwie auch im Auftrag abgefeimter Lokalpolitiker ein wehrloses kleines Theaterchen in seine Gewalt bringt, um eine gigantische Kathedrale des Kulturkommerzes daraus zu machen. Dercon, so der Vorwurf, stehe für die schlimmstmögliche Variante der Beliebigkeit, nämlich die neoliberale. Er werde alle gewachsenen Strukturen zerschlagen und aus der Volksbühne eine Durchgangsstation für eine im internationalen Dauereinsatz längst abgehalfterte Event-Schickeria machen.

          Neue, frische Impulse aus dem Kunstbetrieb?

          Wie wird man in zehn Jahren über die Dercon-Debatte denken, was wird man an ihr erkennen können? Wird man staunen über die Weitsicht, mit der die Castorf-Fraktion Dercon auf Anhieb als Totengräber der deutschen Theaterlandschaft entlarvt hat? Wird man die Stirn runzeln angesichts des enthemmten Vorverurteilungsfurors, der Dercon entgegenschlug, bevor er auch nur das Programm seiner ersten Spielzeit vorgelegt hatte? Oder wird man gar nichts sagen, weil Dercon längst weitergezogen ist und im Jahr 2026 die Volksbühne von einem einträchtigen Duumvirat weiser alter Männer geleitet wird, bestehend aus Frank Castorf und Claus Peymann?

          Nun muss man tatsächlich davon ausgehen, dass die Volksbühne unter einem Intendanten Dercon kaum noch zu wiederzuerkennen sein wird. Aber die Münchner Kammerspiele, wie man sie unter Dorn und Baumbauer kannte, sind auch nicht mehr wiederzuerkennen, seitdem Matthias Lilienthal im vorigen Jahr das Haus übernommen hat. Dennoch war und ist der Protest dort vergleichsweise verschwindend gering. Woran liegt das?

          Im Zentrum des Dercon-Konflikts stehen drei leicht antiquierte Begriffe, die man an der Volksbühne nicht gerne in den Mund nimmt: Innovation, Deutungshoheit und Kanonisierung. Lilienthal ist ein erfahrener Theatermann, Dercons Berufung hingegen enthält die Botschaft, dass es in Berlin Kulturpolitiker gibt, die der Ansicht sind, das Theater bedürfe neuer, frischer Impulse von außen, nämlich aus dem Kunstbetrieb. Darin liegt eine Provokation nicht nur der Volksbühne, sondern der gesamten Berliner Theaterwelt. Wer, bitte schön, bestimmt, wie innovatives Theater auszusehen hat?

          Nun droht die Schrumpfung

          Der Avantgardist wird zum modernen Klassiker erhoben, oder er wird vergessen. Darüber entscheiden spätere Generationen. Wer ihnen nicht traut, und den Kanonisierungsprozess lieber selbst in die Hand nimmt, der hat keine Zeit zu verlieren. Castorf hat das früh erkannt. Er konnte und musste mitansehen, wie seine Stilmittel im Laufe der Jahre noch die kleinsten und abgelegensten Theater des Landes erreichten. Castorf war Pop, und wie der Konsumkapitalismus sich am Protestpotential der Popkultur labte, so schlürfte das Stadttheater die Castorfschen Gesten des Aufbegehrens einfach weg.

          Castorfs Grundhaltung ist der Widerspruch gegenüber den bestehenden Verhältnissen, das eigene Handeln als Teil dieser Verhältnisse eingeschlossen. Sein Programm ist die Revolte, die kein historisches Ziel mehr kennt außer dem der eigenen Permanenz. Dass es nicht enden kann, das hat es groß gemacht. Nun droht die Schrumpfung. Denn nur die Volksbühne hätte der Ort sein können, an dem dieses Programm auch ohne Castorf auf die eine oder andere Weise eine Fortführung hätte finden können. Mit Dercon dürfte es nichts dergleichen geben. Der Protest gegen seine Berufung ist tatsächlich nicht einfach nur die Verweigerung eines Wechsels. Er ist die unausgesprochene Forderung, Castorf und seiner Volksbühnen-Ära den Status eines modernen Klassikers zuzusprechen.

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