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Verspätete „Rheingold“-Premiere : Der Krise zum Trotz

  • -Aktualisiert am

In Vorahnung kommender Schrecken: der Auftakt zum Mailänder „Ring” Bild: Marco Brescia / Teatro alla Scala

Neuer Klang für ein fossiles Schlachtengemälde: Daniel Barenboim hat zusammen mit dem Theaterregisseur Guy Cassiers die Wagner-Oper „Rheingold“ in der Mailänder Scala aufgeführt - eine Produktion mit Nachwirkung.

          Dem Opernland Italien droht seit dem verheerenden Spardekret des Kulturministers Sandro Bondi und der kunstfeindlichen Regierung Berlusconis eine Götterdämmerung (Italienische Opernkrise: Auf zum letzten Addio!). Und so waren es nicht die anmutigen Rheintöchter, die beim Auftakt zur ersten kompletten „Ring“-Inszenierung an der Mailänder Scala seit 1963 das erste Wort hatten, sondern die Angestellten des Hauses mit einem flammenden Plädoyer für die Bedeutung der Musik in der Gesellschaft. Danach konnte das mit der Berliner Staatsoper Unter den Linden koproduzierte „Rheingold“ streikbedingten Startschwierigkeiten zum Trotz doch noch ohne Einbußen über die Bühne gehen: zum Jubel des Mailänder Publikums, das den Premierendirigenten, Staatsopernchef und ersten Hausdirigenten der Scala Daniel Barenboim schier auf Händen trägt - zu Recht.

          Einmal mehr stellt Barenboim unter Beweis, dass ihm derzeit, was Wagner betrifft, außer Christian Thielemann wohl kaum ein Kollege das Wasser reichen kann. So differenziert, so betörend klangsinnlich, zugleich bis in kleinste Instrumentalwendungen hinein prägnant „sprechend“, dabei von souverän disponierten agogischen Spannungsbögen getragen, hört man die augenblicklich vielstrapazierte „Rheingold“-Partitur beileibe nicht oft. Barenboim lässt der Musik Zeit und Atem, sich zu entfalten, zieht das Tempo nur gelegentlich gezielt an, so in der grandios suggestiven Bewegungskurve der Verwandlungsmusik zur dritten Szene, deren Abstieg nach Nibelheim hier einem schwindelerregenden Absturz durch die „Schwefelgruft“ gleicht.

          Pianoschattierungen ohne Neudeutungen

          An anderer Stelle kann er es sich ohne jeden Spannungsverlust leisten, die Zeit beinahe stillstehen zu lassen: Das Erscheinen Erdas wird als eine das verheerende Göttergestreite mahnend durchschneidende, von tiefer Melancholie erfüllte Zäsur sinnfällig, der Anna Larsson ihr balsamisches Alt-Timbre schenkt. Dynamisch hält Barenboim das beinahe makellos spielende Scala-Orchester zu einer Fülle differenzierter Piano-Schattierungen an. Alles ist noch offen und im Fluss an diesem „Vorabend“ der Tetralogie. Nur wenige Male, dann freilich umso effektvoller, ballt sich der Klang hart und schroff zu einer fast bruitistischen Gewalt, die auf folgende Schrecknisse hindeutet.

          Das Rheingold schimmert auf der Bühne: Eine Koproduktion der Scala mit der Berliner Lindenoper

          An Guy Cassiers Inszenierung mag man eine dezidierte „Neudeutung“ vermissen, wobei zu fragen wäre, ob eine solche überhaupt noch zu leisten ist, nach allem, was das Regietheater der vergangenen Jahrzehnte an sozialen, psychologischen, mythologischen und ökologischen Aspekten in diesem Werk schon entdeckt hat. Der Vorzug von Cassiers, auf der von suggestiven Videoprojektionen animierten, meist in mythisches Dunkel getauchten Bühne von Enrico Bagnoli spielenden Erzählung ist ihre mimetische Nähe zu den musikalischen Ereignissen. Eine große Steinwand wird durch die projizierten, sich beständig wandelnden Bilder - der Grand Canyon als Felsenwüste, eine rotglühende Leiberhölle in Nibelheim, schließlich die Götterburg Walhall als eine Art fossiles Schlachtengemälde - zur Reflexionsfläche einer entstehenden Welt, deren Elemente - Wasser, Erde, Licht und Dunkel - noch nicht klar geschieden erscheinen.

          Göttliche und unterweltliche Machtstrategien

          Hier triumphiert René Pape mit unglaublichem Wohlklang als ein von Anbeginn trauriger, desillusionierter Wotan, entlockt Stephen Rügamer der Partie des Loge mit wendiger Tenorstimme Witz und Geschmeidigkeit, verleihen Johann Martin Kränzle und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke den Nibelungen Alberich und Mime mehr als nur routiniertes Format, während Doris Soffel als Fricka manche sopranistische Schärfe vernehmen lässt. Tänzer, die meist als verschlungener Leiberhaufen wie das naturhafte „Material“ der göttlichen und unterweltlichen Machtstrategien agieren, verleihen den Aktionen der Figuren eine zusätzliche Dimension.

          Ob die Produktion im Oktober auch im Berliner Schillertheater, dem Ausweichquartier der Lindenoper, funktionieren wird, bleibt abzuwarten. An der Scala, die seit Riccardo Mutis Weggang vor fünf Jahren musikalisch führungslos ist, gilt Barenboim als Wunschkandidat für die neue Leitung. Gespräche laufen, eine Entscheidung, so der Intendant Stéphane Lissner, sei im September zu erwarten.

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