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„Veronika Voss“ im Schauspiel Frankfurt : Wie wir blieben, was wir sind

  • -Aktualisiert am

Kontrolliert bis in die korallenrot lackierten Fingernägel: die grandiose Stephanie Eidt als Veronika Voss Bild: Birgit Hupfeld

Liebe ist auch nur ein Henker: Frankfurts Kammerspiele entdecken Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ wieder und erzählen damit mehr über die heutige Bundesrepublik, als man glaubt.

          3 Min.

          Warum? Weil Fassbinders Filmklassiker auch Zugnummer für die Bühne ist? Das hat Frankfurts neues Schauspielensemble, vom hingerissenen Publikum auf Händen getragen, eigentlich nicht nötig. Also Vergangenheitsbewältigung? Oder eine Hommage an den gloriosen einstigen Schauspielerregisseur? Die Suche nach Gründen endet, sobald Stephanie Eidt als Veronika Voss aus dem Schatten tritt. Gertenschmal, jeder Schritt, als liefe sie über hauchdünnes, von Splittern durchsetztes Glas, und doch elegant, schwebend.

          Links eine spillerige Couch der Nierentisch-Ära, rechts eine Art verglaster Paravent, Wartezimmer, Labor, Hotelfoyer. Dazwischen ein Schlagzeug und überall dürre Jungbäume, die blattlosen Äste behängt mit Glitzerschmuck und Schriftstücken. Durch diese Szenerie (Bühnenbild: Markus Karner) wird sich die Voss der Stephanie Eidt mal traumwandlerisch sicher, mal hysterisch taumelnd bewegen, so wie sie sich vor Jahren, als sie noch ein Star war, durch die Filmkulissen bewegte.

          Zu Beginn aber steht sie an der Rampe. „Helfen Sie mir. So helfen Sie mir doch!“ Halblaut trotz Tuchfühlung mit dem Publikum ins Leere gesprochene Sätze. Die Intensität lässt einem den Atem stocken. Sofort ist klar, dass eine grandiose Schauspielerin diesen Abend tragen wird.

          Geraffte Bühnenperspektive

          Nach und nach kommen die übrigen Akteure ins Spiel. Torben Kessler als Sportjournalist Krohn, der sich sofort in die verzweifelt flatternde Diva verliebt, und, wie sie, bald nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Illusion unterscheidet. Auch er bietet mit dieser zwischen viril-naivem Karl-May-Jungrittertum und Faszination und Selbsterhaltungstrieb schwankenden Figur beklemmende Momente.

          Heidi Ecks spielt Dr. Marianne Katz, die der Voss in lesbischer Domina-Liebe verfallen ist, der Süchtigen aber ihre Morphiumdosen nicht nur verabreicht, um sie gefügig zu halten, sondern auch, um sie so auszuplündern. Heidi Ecks bleibt blass, widersteht aber der Versuchung, ein Herrschaftsmonster à la Dürrenmatts Ärztin Mathilde von Zahndt zu spielen. Henrike Johanna Jörissen als Verlobte des Sportreporters, die aus Liebe ihre tobende Eifersucht überwindet und stattdessen, was sie das Leben kostet, hilft, die Machenschaften der Katz aufzuklären, bleibt trotz der dramatischen Konstellation eine Randfigur wie die übrigen Mitspieler.

          Das liegt, weder bei der glänzend begabten Jörissen noch bei den anderen, an mangelnder Fähigkeit, sondern am Zwang, die Panoramasicht des Films für die Bühne zu raffen, den sich die Regisseurin Bettina Bruinier und die Dramaturgin Nora Khuon auferlegt haben. So werden Schattenspiele aus den erschütternden Szenen des alten jüdischen Ehepaars, (im Film: Johanna Hofer und Rudolf Platte mit Meisterstudien), das Treblinka überlebt hat, nun in die Fänge der Katz geraten ist und am Ende Selbstmord begeht, um sich vor der neuen Welt mit ihren alten Grausamkeiten zu schützen – unverständlicher Hintergrund statt hintergründiger Umwelt.

          Die Wachstumsformel

          Als Ersatz für Fassbinders Anspruch, mit dem Schicksal der Voss das all derer zu zeigen, die unter die Räder der vorwärts rasenden neuen Republik gerieten, schieben Bruinier/Khuon eine Wirtschaftswunder-Miniaturrevue ein; nervtötend lautes Schlagzeug, ein wenig Caprisonne und Hulu-Hoop-Conny, ein Hauch Elvis und einer Freddy. Immerhin ragt aus der Holzhammerfolge der Dialog zwischen Christian Bo Salle, der einen die weiße Fahne schwenkenden, kapitulierenden Deutschen gibt, und dem zum GI mutierten Schlagzeuger (Sebastian Deufel) heraus: Salle schmettert die alten Plattitüden von Nichtgewusst und Neuanfang, und immer wieder, wie ein Treueversprechen, die Formel Wachstum, Wachstum.

          Liebe als perfidestes Instrument der Unterdrückung zu zeigen, Selbstzerstörung als ihre Konsequenz, davon, so ist im Programmheft zu lesen, war Fassbinder besessen. Und damit findet der Theaterabend, der etwas hochstaplerisch Uraufführung heißt, zu sich selbst. Dank Stephanie Eidt: kontrolliert bis in die korallenrot lackierten Fingerspitzen, mal engelhaft graziös, mal im Dreck, kalt in einer, leidenschaftlich in der nächsten Sekunde, eben mädchenhaft, dann greisig ausgemergelt, gibt sie eine Person, die zugrunde geht, weil sie die Verbindung zu sich selbst verloren hat. Mit dem frostig resignierten „Memories are made of this“ (das die Bundesrepublik für Freddy Quinn 1955 als „So schön, schön war die Zeit“ übersetzte), zeigt sich die Schauspielerin zudem als Diseuse von Dietrich-Format – und als Kronzeugin des Fassbinder- Credos, dass im Ufa- und Hollywoodflitter tödliche Wahrheiten flimmern.

          „Irgendwie muss es ja weitergehen. Sie werden die paar Meter doch noch schaffen“, erwidert gegen Ende, als die Voss ihren Niedergang einen Kreuzweg nennt, ein Wirtschaftswundersprecher. Folgsam greift sie zu den tödlichen Schlaftabletten – wohlwollender Applaus für das Ensemble, Ovationen für Stephanie Eidt. Nach Verlassen des Theaters, vor den Bankentürmen, fällt einem das „Wachstumsbeschleunigungsgesetz 2009“ ein. Vielleicht erzählt diese Frankfurter Veronika Voss mehr über die Bundesrepublik, als man glaubt.

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