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Veronica Ferres : Das Superweib ist keine Courasche

Wilhelm Genazino schreibt ein Stück für die Ruhrtriennale, Veronica Ferres soll die Hauptrolle spielen - und sagt kurz vor Probenbeginn ab. Besorgt um ihre künstlerische Integrität. Hier verwechselt wohl jemand Theater mit Marketing.

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          Daß ein Dramatiker ein Stück für einen Schauspieler oder eine Schauspielerin schreibt, ist aus der schönen Mode gekommen, die zuletzt Thomas Bernhard - mit „Der Weltverbesserer“ oder „Minetti“ - noch einmal hatte aufleben lassen. Solche selten gewordene Ehre sollte nun auch Veronica Ferres zuteil werden, denn Wilhelm Genazino hatte seine „Courasche oder Gott laß nach“, eine Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale, eigens, wie er gesteht, „auf die Schauspielerin hin geschrieben“ und sich sogar ältere Videos besorgt, um ein möglichst umfassendes Bild von ihr zu bekommen: „Das beschleunigt und befördert die Arbeit“, sagt der Büchner-Preisträger, „für einen Autor ist das angenehm.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch daraus wird nun nichts, denn Veronica Ferres hat die Rolle vier Wochen vor Probenbeginn und noch ehe der Text ganz fertig war, überraschend abgesagt. Ruhrtriennale-Chef Jürgen Flimm ist konsterniert. Nach dem krankheitsbedingten Ausfall einer Inszenierung von Peter Zadek muß er eine zweite Produktion aufs nächste Jahr verschieben. „Töricht“ findet Genazino die Absage und ist „ein bißchen ratlos“, schließlich „kannte Veronica Ferres den Stoff und wußte, daß es sich um eine Soldatenhure handelt“. Flimm zeigt sich auch „persönlich enttäuscht“, hatte er die Schauspielerin doch vor vier Jahren bei den Salzburger Festspielen als Buhlschaft im „Jedermann“ engagiert und damit fürs Theater zurückgewonnen: „Die Buhlschaft ist ja nun auch keine Betschwester.“

          Was ist mit Medea, Lady Macbeth oder Lulu?

          Genazinos Grimmelshausen-Aktualisierung stellt eine Frau am Rande der Gesellschaft vor: Der erste Akt spielt in der Gegenwart, der zweite in den Nachkriegswirren 1945, der dritte in der Barockzeit. Zur Begründung erklärt die Münchner Agentur der Schauspielerin nur, daß sich die Figur weder mit Veronica Ferres' Vorstellungen von der Rolle noch mit ihrer künstlerischen Integrität vereinbaren lasse. Das klingt, als werde hier Theater mit Marketing verwechselt und befürchtet, daß die einundvierzig Jahre alte Aktrice fortan mit der Courasche, und zwar zu ihrem Nachteil, identifiziert wird.

          Könnte es sein, daß die schwindende Fähigkeit des mündigen Fernsehbürgers, zwischen Person und Rolle, Götz George und „Horst Schimanski“, Marie-Luise Marjan und „Mutter Beimer“ unterscheiden zu können, nun auch schon dem gemeinen Theaterzuschauer unterstellt wird? Denn womöglich haben Veronica Ferres respektive ihre Agentur mehr ihre Werbeverträge - Frau Ferres macht Reklame für Strom, Mode, Mobiltelefone, Gesichtspflege, Parfüm, Babynahrung und Kartoffelklöße - als ihre künstlerische Entwicklung im Blick. Sollte sich die Schauspielerin, die 1985 als „Badhure“ in der Oper „Die Bernauerin“ debütierte und zehn Jahre später als „Das Superweib“ berühmt wurde, weiter derart proper um ihr Image sorgen, muß sie sich einen Großteil der Weltdramatik abschminken: Für eine Medea, Lady Macbeth oder Lulu wäre Veronica Ferres dann nicht mehr zu haben.

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