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Opernfestival Wexford : Wer den Schwan von Avon kocht

Giorgi Manoshvili als Calibano in Fromental Halévys „La Tempesta“ nach Shakespeare. Bild: Clive Barda

Die Raritäten beim irischen Opernfestival Wexford lohnen sich: Fromental Halévy vertont Shakespeare, Antonín Dvořák feiert die Kreuzritter, und Félicien David taucht in indische Märchen ab.

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          Opernliebhaber, die alle Jahre in das Fischerhafenstädtchen Wexford an der südöstlichen Küste Irlands zu dem auf vergessene Werke spezialisierten Opernfestspiel pilgern, gleichen Sondengängern auf Schatzsuche. Wie die den Boden mit ihren Geräten systematisch nach versteckten Wertgegenständen abtastenden Metallsucher hofft auch das Publikum in dem kleinen Juwel von einem inmitten der Fischerreihenhäuser eingepassten Theater auf Operngold zu stoßen. Mit wechselndem Erfolg. Rückblickend ist es immer wieder erstaunlich, wie vielen inzwischen etablierten Werken etwa von Donizetti, Verdi, Massenet, Janáček oder Rossini das kleine Festival an diesem unwahrscheinlichen Ort in den siebzig Jahren seit seiner ­Gründung den Weg auf internationale Bühnen geebnet hat und wie viele spätere Stars bereits in Wexford glänzten, bevor sie Weltruhm erlangten. Beim Aufspüren von Goldklumpen sind allerdings auch große Mengen von Sand durchs Sieb gegangen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Diesmal hat die Suche in den Archiven der Opernliteratur drei Werke für das Hauptprogramm zutage befördert. Wexford hat sie unter dem Thema „Zauber und Musik“ gebündelt, wobei das Motiv des exotischen „Anderen“ oder des Orientalismus die Auswahl vielleicht treffender kennzeichnet. Den Auftakt machte Jacques Fromental Halévys „La Tempesta“ nach Eugène Scribes Bearbeitung von Shakespeares „Sturm“ in einer Koproduktion mit dem Teatro Coccia im piemontesichen Novara. Ursprünglich war Felix Mendelssohn Bartholdy für die Vertonung des Librettos vorgesehen gewesen. Er lehnte den Auftrag jedoch ab, nicht zuletzt, weil ihm Scribes reduktive Verballhornung Shakespeares missfiel. Und so fiel die Wahl auf Halévy.

          Vorurteile? Doch nicht die Engländer!

          Seine „Tempesta“ ist ein europäischer Mischling: englischer Dichter, französischer Librettist, französischer Komponist, Uraufführung 1850 in London auf Italienisch im den Stil der italienischen Oper, mit dem Aufwand der Pariser „Grand opéra“. Das Londoner Publikum war begeistert, die Kritik meist lobend. Allerdings festigte Scribes freier Umgang mit dem „Sturm“ das britische Vorurteil, dass den Franzosen mit Shakespeare nicht zu trauen sei. Bei Scribe gerät der fürstliche Zauberer Prospero zu einer Randfigur. Stattdessen werden seine Tochter Miranda und das Verlangen des von ihm gebeutelten Naturmenschen Caliban für sie in den Mittelpunkt gerückt. Eine Zeitschrift veröffentlichte ein satirisches Kochrezept für einen Schwan aus Avon, wie der Beiname für Shakespeare lautet, mit der Anweisung, den zerteilten Vogel wiederholt zu kochen und abkühlen zu lassen, bis die Stücke gründlich zerlassen seien. „Einem aufgeklärten Publikum heiß auftragen, das vor Entzücken darüber außer sich sein wird, dass ein französischer Koch ein derart vortreffliches Frikassee aus seinem geliebten Schwan von Avon gemacht hat.“ In Paris fiel „La Tempesta“ ganz durch und verschwand von der Bühne, wie alle vierzig Opern Halévys bis auf „La ­Juive“.

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