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Verdis „Don Carlo“ in Dresden : Wenn der König weint, wankt die Welt

Auf Erden sind Elisabetta (Dinara Alieva) und Don Carlo (Riccardo Massi) getrennt im Himmel aber (Malwina Stępień und Brian Scalini, Mitte, oben) vereint. Bild: Ludwig Olah

Giuseppe Verdis Oper „Don Carlo“ ist von Manfred Trojahn mit einem neuen Prolog versehen worden. In Dresden hatte diese Neufassung jetzt in der durchdachten Inszenierung von Vera Nemirova Premiere.

          3 Min.

          Zur Mitte der Weltnacht, in der Schwärze von Hunger und Krieg, blühen die Lilien im Wald von Fontainebleau. Sie wissen nichts vom Elend der Menschen, die wir dahinter in Filmbildern sehen, im kahlen Gehölz der Not. Schneeweiß wie die Blumen der Könige leuchten auch Malwina Stępień und Brian Scalini als Elisabetta von Valois und Don Carlo, Infant von Spanien. Sie tanzen sich, nach einer Choreographie von Altea Garrido, ins Glück hinein. Und ihr Glück könnte die Hoffnung der Unglücklichen sein. Für dreizehn Minuten wortlos-zärtlicher Zweisamkeit will es so scheinen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          „Blick – Traum – Übergang“ heißt die Musik, die Manfred Trojahn dazu komponierte. Peter Ruzicka hatte ihm als Intendant der Osterfestspiele Salzburg den Auftrag dazu erteilt. Es sollte ein Prolog zu Giuseppe Verdis Grand Opéra „Don Carlo“ werden, als Verdichtung des ersten, in Fontainebleau spielenden Aktes der französischen Fassung, der dann in der italienischen Fassung gestrichen wurde. Der Prolog beginnt mit einem Moll­akkord, der sich dissonant verzweigt, bis eine Klarinette zu weinen anhebt. Zu großen, aus der Tonalität gerissenen Streichergesängen hören wir in den Holzbläsern jene Seufzer, die uns später in der fi­ligranen Arie der Elisabetta bei der Verstoßung der Gräfin von Aremberg durch ihren Mann, König Philipp II. von Spanien, wiederbegegnen werden. Es sind Vo­kabeln einer musikalischen Sprache, mit der der Mensch am Menschen Anteil nimmt, die Trojahn hier sensibel benutzt. Völlig organisch geht seine Musik über in die Hornrufe zu Beginn von Verdis Oper.

          Vera Nemirova hatte für die Salzburger Osterfestspiele 2020 die Inszenierung dieser speziellen Fassung erarbeitet. Mehrfach war die Premiere verschoben worden. Jetzt hat Peter Theiler, der Intendant der Dresdner Semperoper, den „Don Carlo“ für wenige Vorstellungen in den Spielplan genommen. Die Inszenierung besticht dadurch, dass sie die Motive des Prologs durch die Inszenierung weiterführt. Nach dem Autodafé, ursprünglich eine Ketzerverbrennung durch die Inquisition, hier eine Bücherverbrennung, hat Nemirova ein weiteres Stück von Trojahn eingefügt: „Mendelssohns Möwen“ für Violoncello solo, gespielt von Norbert Anger, dem Solocellisten der Sächsischen Staatskapelle.

          Gestehungskosten der Emanzipation

          Nach dem Pomp der öffentlichen Hinrichtung ist dieses Cellosolo einerseits ein Moment des Innewerdens der Gewalt, zugleich aber die musikalische Überleitung zum Monolog des Philipp, der we­sentlich von einem Cellosolo bei Verdi ge­tragen wird. Nemirova lässt Vitalij Kowaljow, den Sänger des Philipp, in seiner Einsamkeit mit dem Rücken zum Pu­blikum Cello spielen. Der Machtmensch zeigt sich kunstsinnig; zugleich ist das Instrument in seiner äußeren Form für ihn der Ersatz für die Frau, die ihn „nie ge­liebt“ hat: Elisabetta.

          Dieses Detail markiert den Unterschied zwischen „Musiktheater“ und „Re­gietheater“: Nemirova entwickelt ihre sze­­nischen Ideen ganz aus der Musik he­raus, statt sie ihr überzustülpen. Auch beim folgenden Auftritt Alexandros Stavrakakis’ als Großinquisitor hat sie die szenische Form der musikalischen Form nachgebildet: Verdi verwendet für Auf- und Abgang der Figur die gleiche Musik.

          Das Bühnenbild von Heike Scheele beginnt mit einer Klosterbibliothek, um sich dann in abstrakte Räume hin zu öffnen. Die Kostümbildnerin Frauke Schernau führt die Figuren aus der spanischen Renaissance mit dem Autodafé in die Moderne. Die Regisseurin begründet diesen Schritt im Interview mit dem Dramaturgen Kai Wessler damit, dass die Figuren nach diesem Zivilisationsbruch nicht mehr in die Geschichte zurückfinden. Der Schutz der spanischen Hofetikette sei ihnen abhanden gekommen. „Nun, in ei­ner diffusen Moderne angekommen, ha­ben sie nichts mehr, woran sie sich halten können. Sobald die Konflikte die Figuren umtreiben, haben sie keinen Schutz mehr: der König weint.“ Gestehungskosten der Emanzipation: Freiheitsgewinne sind Schutzverluste.

          Eine gewisse Ermüdung

          Bewundern muss man den von André Kellinghaus einstudierten Staatsopernchor, der als Handlungschor zum eindringlichen Spiel der Verstörung findet. Kowaljow ist ein überragender Philipp, dessen Eiseskälte im Gestus packend kontrastiert mit der Empfindsamkeit und klanglichen Rundung seines Singens, das zu Beginn des Monologs sogar die Spuren unmittelbar vorangegangenen Weinens andeutet, ohne naturalistisch zu werden. Andrei Bondarenko als Marquis Posa ist ein Heldenbariton von weltgewandter Ele­ganz, dem man gar nicht lang genug zuhören kann. Riccardo Massi hat als Don Carlo eine vorzügliche farbenreiche Mittellage und eine angenehm weiche, sichere Höhe, die sich gleichwohl den letzten Glanz noch versagt. Anna Smirnova gehört seit Jahren zu den besten Sängerinnen der Eboli weltweit.

          Mag ihre Stimme jetzt, vielleicht durch Corona, die frühere Leichtigkeit für die Koloraturen in der Seguidilla des zweiten Bildes verloren haben, so ist die dramatische Kraft ihrer Stimme, die ganz ohne Keifen und Stechen auskommt, noch immer bewundernswert, besonders wegen ihrer farblichen Brillanz. Dinara Alieva als Elisabetta zeigt große Wandlungsfähigkeit: Vom Samtklang einer durch die Staatsräson erzwungenen Diskretion der Empfindungen steigert sie sich bis zur Entgrenzung zwischen abgründigem Ekel in der Tiefe und lodernder Leidenschaft in der Höhe. Tilmann Rönnebeck als Mönch und Stimme Kaiser Karls V. verschafft sich mit sparsamsten Mitteln höchste Autorität.

          Den Blechbläsern der Staatskapelle merkt man eine gewisse Ermüdung, vielleicht durch zu hohes Probenaufkommen, an. Ivan Repušić sorgt als Dirigent aber für geschmeidig-schnelle Anschlüsse, at­met ausgezeichnet mit, beschränkt die Schärfen des Klangs auf wenige Pointen der gewaltsamen Grenzüberschreitung und ermöglicht ansonsten ein erfreulich intimes Singen.

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