https://www.faz.net/-gqz-9eppc

Beethovens „Fidelio“ in Prag : Gefesselt in Ketten aus Papier

  • -Aktualisiert am

Florestan beschäftigt sich mit den Papieren so exzessiv, dass er auch später, in Freiheit, nicht von ihnen loslassen kann. Bild: Hana Smejkalova

Am Prager Ständetheater inszeniert Vera Nemirova Beethovens „Fidelio“ als Drama innerer Freiheit. Ein glanzvolles Ende versagt sie der Oper.

          Die Freiheit muss wie ein Hohn sein für jene, die sie geschenkt bekommen und sie nicht nützen können. Und so sitzen Leonore und Florestan, heimgesucht vom neuen Glück, äußerlich frei, aber längst nicht in ihrem Inneren, mit hängenden Schultern da und schauen verstört auf den Trubel um sie herum: all die Paare, die sich wieder in die Arme fallen, nachdem nicht nur Florestan, sondern auch die übrigen Gefangenen freigelassen sind.

          Die Exaltiertheit macht jedoch stutzig: dieses demonstrative Sich-selbst-Feiern mit posierendem Tanzen und triumphierendem Händerecken. Ist das immer noch Freiheit? Oder sind die Feiernden schon wieder zu neuen Gefangenen geworden, ihres Glückes nämlich, das von ihnen jetzt eine spezielle, durch vorhandene Bilder festgelegte Handlungsweise einfordert? Und so scheinen Florestan und Leonore, wie sie in diesen Trubel starren, mit einem Mal nicht wesentlich unfreier zu sein als all die Paare um sie herum. Der Betrachter darf sogar Hoffnung schöpfen: dass diese beiden es schaffen werden, wenn sie das Erlebte erst einmal verarbeitet haben, in dem sie noch gefangen sind.

          Ein Kellerraum und ein zerwühlter Haufen Akten

          Geweitet ist der Horizont in Vera Nemirovas Fidelio-Inszenierung am Prager Ständetheater nicht nur in die Vorgeschichte des Stückes – zwei Jahre lang sitzt Florestan bereits im Kerker, als Leonore zu ihm vordringt und damit das Stück beginnt –, sondern auch in die Zeit danach. Ein Schritt, der dieser Oper das glanzvolle Ende versagt, der aber logisch ist, wenn man, wie Nemirova, die äußere nicht von der inneren Freiheit trennen will. In ihrer Inszenierung ist sogar denkbar, dass Florestan sich freiwillig an jenen Ort begeben hat, der von Ulrike Kunze, die für die Bühne und die Kostüme zuständig ist, als Gefängnis in Szene gesetzt wird: ein Kellerraum, in dem ein zerwühlter Haufen Papierakten dem Gefangenen Gesellschaft leistet und in dem sich eine Bodenluke befindet, die später vom Gefängniswärter Rocco und von der als Fidelio verkleideten Leonore geöffnet wird, als es darum geht, für Florestan ein Grab auszuheben.

          Es dampft recht ungemütlich aus dieser Luke, doch der Gedanke, dass über diesen Einstieg auch ein Ausstieg in die äußere Freiheit möglich sein müsste für den bestimmt nicht auf den Kopf gefallenen Gefangenen, dieser Gedanke erhält frische Nahrung, als aus ebendieser Bodenluke der Trompeter bis zum Bauchnabel emporgefahren wird, der das rettende Signal zur Ankunft des Ministers Don Fernando bläst. Das Gelächter ist groß im Publikum, und man fragt sich, ob diese Komik von Nemirova eingeplant war. Die Inszenierung ist sonst nämlich überhaupt nicht komisch.

          Die Einlage mit dem Trompeter gibt immerhin den Hinweis, dass Florestans Kerker nicht als ein Gefängnis im herkömmlichen Sinn aufzufassen sei. Welcher unbarmherzige Gefängnisdirektor (und Don Pizarro so zu bezeichnen ist noch freundlich) würde schon seinem verhasstesten Insassen Akten zur Verfügung stellen, damit er sich mit der Anklage gegen ihn beschäftigen kann? Florestan wiederum beschäftigt sich mit den Papieren so exzessiv, dass er auch später, in Freiheit, nicht von ihnen loslassen kann. Die Ketten, die Leonore ihm lösen darf, sind bei Nemirova zwei zusammengeknäuelte Papierbögen. Florestan hält sie fest in den verkrampften Fäusten wie ein von der Suche nach der Wahrheit Besessener.

          Immerzu kleine Blumensträuße

          Aber warum gibt es dann noch andere Gefangene, die in Decken gehüllt hervorschlurfen? Abgesehen von der Notwendigkeit, den allseits bekannten Gefangenenchor zu singen, spricht in Nemirovas Konzept nur noch recht wenig für ihr Auftreten. Es sind solche Ungereimtheiten, die den Weg schwer werden lassen hin zu dem starken Schluss, den dieser Prager Fidelio bereithält.

          Der Wärter Rocco wiederum lebt in einer behaglichen Welt, wie man sie von Archivbeamten kennt, die im entlegenen Keller ihr eigenes Reich hüten. Gemütlich und gemütvoll wird dieser Rocco von Oleg Korotkov gesungen. Felicitas Fuchs singt Roccos Tochter Marzelline im scharfen Soubretten-Ton. Der von Josef Moravec gesungene Jaquino ist bei seinem Auftritt in Turnschuhen ein hinreichend unglücklich agierender Verehrer. Er bringt immerzu kleine Blumensträuße. Sebastian Holecek als Don Pizarro wirkt in seinem Auftreten wie in seinem Gesang leicht forciert, wohl weil er sich anstrengen muss, seiner Figur die nötige brutale Anmutung zu verleihen. In seiner Bühnennatur wirkt Holecek nämlich eher freundlich, ebenso Paul Armin Edelmann, der den Minister Don Fernando als Beau darstellen darf: mit Föhnwelle auf dem Kopf, in einen Mantel von tadellosem Kamelbraun gesteckt. Auch das passt zu Nemirovas Misstrauen in den Freiheitsbegriff: dass der Bote der äußeren Freiheit ein schlimmer Pedant ist, der selbst einem Sauberkeitszwang unterliegt.

          Florestan erhält durch Daniel Frank nicht zuletzt wegen dessen langer, offener Haare eine Christusanmutung. Zur Stärkung gibt es gleichwohl Bier zum Brot und keinen Wein. Der schwedische Tenor singt seine Rolle mit lyrischem Schmelz und feinem Legato, in der Höhe und bei großer Lautstärke verliert seine Stimme jedoch ihre schöne Fassung. Mit Melanie Dieners Sopran verhält es sich andersherum: er ist von großer Durchschlagskraft, die feinen Töne fallen Diener aber schwer und damit auch die Schattierungen, nach der die Rolle der Leonore verlangt. Das Orchester des Tschechischen Nationaltheaters spielt unter Andreas Sebastian Weiser engagiert und lebendig, gemeinsam mit den Sängern ist der Klangpegel an diesem Abend aber oft zu kräftig für das kleine, zarte Ständetheater, in dem Carl Maria von Weber 1814 die erste Fidelio-Aufführung außerhalb Wiens leitete. Die Frage nach der Freiheit war damals, kurz nach dem Wiener Kongress, eine ganz andere.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.