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Uwe Tellkamps „Turm“ auf der Bühne : Wir Eingeborenen von Neunbalkonien

Holger Hübner und Hannelore Koch in der Dresdner Bühnenfassung von Tellkamps „Turm” Bild: dpa

Aufstehen will hier niemand, und vom Roman bleibt nur ein Gerippe. Aber Dresden applaudiert einem dramatischen Thesenanschlag: Wolfgang Engel bringt Uwe Tellkamps „Turm“ auf die Bühne.

          An diesem Abend wird in Dresden Dresden ausgetrieben. Keine verwunschene Zauberwelt hat Olaf Altmann auf die Bühne gesetzt, keine Dornenranken um alte Gusseisenornamente gelegt, keine Jugendstilfassaden nachgebaut, keine Elbhänge aus Pappmaché geformt. Der „Weiße Hirsch“, das Viertel, in dem Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ sein Zentrum hat, ist erlegt und ausgeweidet: Das Segment eines Hochhauses im Rohbau steht vor uns, aufgeteilt in neun Balkone, durch die man hindurchblicken kann in eine wahlweise abendblaue oder tagesgraue Unbestimmtheit. Dieser triste Plattenbau ist so skelettiert wie die tausendseitige Romanvorlage, die Jens Groß und Armin Petras für das Dresdner Staatsschauspiel zum dreistündigen Drama gekürzt haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Saal ist zur Uraufführung bis auf den letzten Platz mit jenem Kulturbürgertum gefüllt, dessen blinder Liebe zum alten Dresden Tellkamp ein Denkmal gesetzt hat. Wenn sich das Ensemble zu Beginn als Chor versammelt und noch vor dem ersten Wort kollektiv jene Winzermütze von den Loschwitzhängen aufsetzt, die Tellkamp zu seinem Markenzeichen gemacht hat, dann gluckst das Publikum vor Vergnügen. Und natürlich ist es für diese Zuschauer gar kein Problem, dem zum „Weißen Hirsch“ heimkehrenden Internatsschüler Christian Hoffmann einen abgebrochenen Satz zu vervollständigen: „Oben, neben dem zweiten Tunnel der Standseilbahn, kommt das schon vor mehreren Jahren geschlossenen Restaurant ...“ Der Saal ruft ihm zu: „Luisenhof!“ In Heimatkunde Note eins, Alt-Dresden eben. Doch Benjamin Pasquet, der den Christian spielt, korrigiert augenzwinkernd: „Sibyllenhof“. Alles, was auf dem „Weißen Hirsch“ spielt, ist von Tellkamp ja in eine Phantasiewelt übersetzt worden.

          Das Theatralische am Text vermieden

          Sie fehlt im Dresdner Schauspielhaus. Genauso wie Tellkamps akribische Rekonstruktion des Lebens in der DDR der achtziger Jahre oder die zahllosen Meeresmetaphern in dieser „Geschichte aus einem versunkenen Land“, wie der Roman im Untertitel heißt. Alles, was theatralisch ist an diesem Text, hat Wolfgang Engel in seiner Inszenierung vernachlässigt. Und die eigene Biographie. Denn Engel war just in der Zeit als Regisseur hier am Dresdner Theater engagiert, in welcher „Der Turm“ spielt.

          Was Engel heute in Dresden zeigt, könnte überall handeln und zu jeder Zeit – ein böses Spiel von Menschen mit Menschen. Wenn der winzerbemützte Chor zu sprechen anhebt, tut er es denn auch in nahezu klassischem Duktus mit Zeilen aus der „Ouvertüre“ des Romans. Doch dazu spielt Rafael Klitzing, der vom DJ-Pult auf dem obersten Mittelbalkon aus die rasche Szenenfolge mit Musikcollagen von Thomas Härtel strukturiert, das Geräusch eines kratzenden Tonabnehmers ein. Diese alte Platte ist zu oft abgespielt worden: „Dreeeesden“, dehnt der Chor das magische Wort so sehr, dass selbst die Dresdner drüber lachen. Die „süße Krankheit Gestern“ soll auf der Bühne keine Verheerungen anrichten.

          Zusammenlegung von Figuren

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