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Komponist Steve Reich achtzig : Der Rhythmus probt den Aufstand

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Er steht auch für das Einreißen der Grenzzäune zwischen sogenanntem Pop und dito Klassik: Steve Reich. Bild: dpa

Er hat die Musikgeschichte verändert, unter den Minimalisten ist er der Meister: Zum achtzigsten Geburtstag des Komponisten Steve Reich.

          Unter den Minimalisten ist Reich der Größte. Den Rang eines Komponisten schon zu dessen Lebzeit zu bestimmen, dafür gibt es nicht allzu viele verlässliche Kriterien. Größe bemisst sich nicht nach Dauern oder Taktstrichen, sie ist nicht ablesbar an der Skala losgetretener Skandale, der Länge der Werkliste, der Anzahl der Schüler, ja, selbst Ruhm ist nur ein schwaches Indiz. Bei Schubert dauerte es dreißig Jahre post mortem, bis er in Fachkreisen berühmt war. Steve Reich, geboren 1936 in New York, ausgebildeter Schlagzeuger, studierter Philosoph, praktizierender Jazzmusiker, schaffte es schneller. Er war mit einem Schlag weithin bekannt, als er so jung war, wie Schubert nicht mehr werden durfte, nämlich vierunddreißig.

          Anlass war ein Schlagzeugstück, das auf nur einer einzigen rhythmischen Figur gründet, über neunzig Minuten. Zuerst mitzählbar, überlagern sich die Schläge, die Akzente wechseln, sie wandern phasenweise verschoben durch diverse sich auffächernde Klangräume. Uraufgeführt im Museum für Modern Art im Dezember 1971, alsbald als die minimalistische „Urzelle“ (Konrad Heidkamp) erkannt oder vielmehr als das „erste Meisterwerk“ des Minimalismus (Robert Schwarz), war „Drumming“ eine Komposition, von der man später behauptete, sie habe den Verlauf der Musikgeschichte geändert.

          Stellvertretend steht das Stück für den Aufstand von Metrum, Rhythmus und Tonalität wider den Serialismus der europäischen Avantgarde. Es steht aber auch für das Einreißen der Grenzzäune zwischen sogenanntem Pop und dito Klassik. Insgesamt sind sieben CD-Lesarten von „Drumming“ heute in Umlauf, Anne Teresa de Keersmaeker hat das Stück in Körpersprache übersetzt, die Deutsche Grammophon brachte eine Liebhaber-Edition auf Vinyl heraus. Und wenn „Drumming“, die Legende, wie es in diesem Reich-Jubeljahr verschiedentlich schon der Fall war, live aufgeführt wird, ist das Haus immer ausverkauft und Reich wird gefeiert, als sei er Beethoven und das Werk die Neunte.

          Rhythmus mit Streichern: Das Steve Reich Ensemble.

          Groß ist freilich, dass Steve Reich dabei 1970 nicht stehen blieb. Er hatte nicht mal damit angefangen. Seit seinem ersten geloopten Tonbandstück „It’s Gonna Rain“ von 1965 bis zu seinen jüngsten Werken, etwa „Radio Rewrite“ (2013) ist Reich ein Wandelbarer. Einer, der neue Wege gesucht hat, alte Techniken weiterentwickelt, neue Ideen ausprobierte, Fragen aufwarf. Es sind, je älter er wird, immer öfter politische Fragen, die von seiner Musik verhandelt werden, von „Different Trains“ über „Desert Music“ bis „WTC 9/11“: Zeitopern, die das Leben kommentieren und Antworten zurückspiegeln. Am heutigen Montag feiert Steve Reich seinen achtzigsten Geburtstag.

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