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Urteil : Zeitstücks Zukunft

Das Bundesverfassungsgericht hat die Klage gegen das Theaterstück „Ehrensache“ von Lutz Hübner abgewiesen. Das Scheitern der Klage ist nicht zu unterschätzen. Wäre anders entschieden worden, stünde es noch schlechter um die Zukunft des Dramas.

          Davon zu sprechen, das Bundesverfassungsgericht habe die Kunstfreiheit gestärkt, als es gestern die Klage gegen das Theaterstück „Ehrensache“ von Lutz Hübner abwies (Az.: 1 BvR 1533/07 u. a.), klingt pathetisch und erscheint etwas hoch gegriffen. Denn alles andere wäre ebenso lebens- wie literaturfremd gewesen.

          In dem Fall führte die Mutter des Opfers, das im Mai 2004 im „Hagener Mädchenmord“ von einem jungen Mann türkischer Abstammung mit dreißig Messerstichen getötet wurde, Beschwerde gegen Aufführungen eines Schauspiels, in dem sie die postmortalen Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter verletzt sieht. Damit hatte sie im April 2006 vor dem Oberlandesgericht Hamm hinsichtlich der Inszenierung am Theater Hagen, in der Nähe des Tatorts, in zweiter Instanz recht bekommen. Indessen konnte die Uraufführungsinszenierung am Schauspiel Essen weiter gezeigt werden, deren Gastspiele beim NRW-Theatertreffen in Düsseldorf und in Münster jedoch per einstweiliger Verfügung verhindert wurden.

          Autor übernahm von dem Verbrechen nur die Rahmenkonstruktion

          „Um die Schwere der Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts durch die Veröffentlichung eines Kunstwerks bewerten zu können, ist nach der ,Esra'-Entscheidung eine kunstspezifische Betrachtung zur Bestimmung des durch das Theaterstück oder den Roman im jeweiligen Handlungszusammenhang dem Leser oder Zuschauer nahegelegten Wirklichkeitsbezugs erforderlich“, differenziert Karlsruhe nun und stellt fest: „Dabei ist ein literarisches Werk oder ein Theaterstück zunächst als Fiktion anzusehen, das keinen Faktizitätsanspruch erhebt.

          Diese Vermutung gilt auch dann, wenn hinter den Figuren reale Personen als Urbilder erkennbar sind.“ Was selbstverständlich sein sollte, gilt für „Ehrensache“ noch deutlicher. Hat der Autor doch von dem Verbrechen, das er in der Zeitung fand, lediglich die Rahmenkonstruktion übernommen, die Handlung nicht dokumentarisch, sondern fiktiv entwickelt und sehr viel mehr als nur den Namen des Opfers verändert: So ist die Ellena im Stück - Realismus statt Realität - zwei Jahre älter.

          Hübner, der mit seinen wirklichkeitsnahen Gebrauchsstücken der fleißigste und derzeit meistgespielte deutschsprachige Dramatiker ist, hat selbst den Eindruck, dass die gerichtlichen Auseinandersetzungen um „Ehrensache“ die Bühnen „eher abgeschreckt“ als zusätzlich motiviert haben, das heiße Eisen anzupacken. Auch wurde die Veröffentlichung des Stücks in der renommierten „Spectaculum“-Reihe des Suhrkamp Verlags zurückgestellt. Das Scheitern der Verfassungsbeschwerde ist denn auch nicht zu unterschätzen. Hätte das Gericht anders entschieden, stünde es noch schlechter um die Zukunft eines dramatischen Genres. So aber bleibt es auch weiterhin nur künstlerisch riskant, politische Zeitstücke zu schreiben.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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