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Uraufführung von Thomas Jonigks „Hotel Capri“ : Das Leben ist auch nur eine Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Kuss des Männervergessens: Lambert Hamel und Arnulf Schumacher im Münchner „Hotel Capri“. Bild: Thomas Dashuber

Ein Zimmertraumservice, wie man ihn sich inszenatorisch nicht besser wünschen könnte: Thomas Jonigks „Hotel Capri“ wurde in München unter Tina Laniks Regie uraufgeführt. Tragik und Komik harmonieren aufs Beste.

          Lambert Hamel steht wie eine Installation im Raum - unbeteiligt beteiligt, in einer willensfernen Haltung. Willkommen in der unbequemen Figurenfamilie des Gegenwartsdramatikers Thomas Jonigk!, möchte man dem mittsechzigjährigen Hotelgast Werner, den Lambert Hamel darstellt, zurufen. Öffne eine der Türen und hau ab! Doch Werner von Späth würde es nicht hören wollen. Längst hat er sich in sein Schicksal gefügt - wie so viele Figuren, die sich in Jonigks Dramenkonstrukten die Klinken an den Türen zu ihren ungewöhnlichen Fluchträumen in die Hand geben.

          Hingestellt und nicht aufgeweckt. Menschen, deren Oberfläche beschlägt, wenn jemand ihnen wieder Gegenwart einhaucht. Ob Kindheit, Krankheit, Kündigung, gesellschaftliche oder kleinbürgerliche Zwänge: Die vermeintliche Katastrophe, die ihre Existenz zum Einsturz gebracht hat, ist bereits geschehen, Jonigk aber lässt seine Figuren von Traum- oder Erinnerungsmomenten einholen, konfrontiert sie mit ihren Ängsten. Der Autor schreibt deprimierend lustige Tragödien, manchmal auch schwarze Komödien, aber seine Protagonisten haben nicht viel zu lachen.

          Palmen gibt es hier nur auf der Tapete: Stefan Hageneier ist verantwortlich für das Bühnenbild, vor dem sich die Protagonisten in „Hotel Capri“ tummeln.

          Werner von Späth in Jonigks jüngstem Einakter „Hotel Capri“, der jetzt im Münchner Cuvilliés-Theater als Auftragswerk für das Bayerische Staatsschauspiel uraufgeführt wurde, trägt Südseereiseprospekte in seinem Koffer, papierene Zeugnisse eines lebenslangen Traums, den er ohne seine große Jugendliebe nie verwirklichen wollte. Jetzt, zum Wiedersehen nach fünfzig Jahren, ist das fensterlose Hotelzimmer Nummer elf, in dem damals alles begann, auf einmal voller ungebetener Gäste. Einige sind Geister vergangener Zeiten, wie die zwei sechzehnährigen Jungen in Turnhosen, die auf Werners Bett liegen und einander küssen. Andere sind furchtbar echt und wunderbar komisch.

          Der in Gestalt von Götz Schulte stolz strahlende neue Hotelbetreiber Herr Bruchmoser zum Beispiel enthusiasmiert mit seinen Illusionen, die Bruchbude „in circa drei bis vier Jahren“ in eine Wellnessoase verwandelt zu haben, nur sich selbst. Seine Angestellte Jessica lässt Katrin Röver als personifizierte Trägheit jugendlich ergrauen. Und dann ist da Christine, die behauptet, dasselbe Zimmer gemietet zu haben, und fröhlich dableibt, hatte sie doch sowieso gerade vor, sich mal wieder von ihrem kunstledernen Drogeriebesitzer zu trennen. Juliane Köhler lässt das fürsorgliche Sunnygirl im hautengen pinkfarbenen Outfit zwischen Dehnübungen und Plapperanfällen kaum zur Ruhe kommen.

          Vordergründe und Abgründe harmonieren in Tragik und Komik

          “Wirklich empfinden tue ich nur das Versäumte“, sagt Werner. Letztlich trägt hier jeder, so proletenhaft er zunächst erscheinen mag, seine Einsamkeit rührend kleinlaut vor sich her und seine Lebensträume nur auf der Zunge. Jeder, außer Franz. Franz nämlich ist Werners große Jugendliebe. Das ist das Problem. Aus Feigheit vor seinem eigenen Coming-Out hat Werner den Franz einst denunziert und ist seitdem wie gelähmt vor Schuldgefühlen und Liebeskummer. Franz hingegen, den Arnulf Schumacher als sportiven Rentner mit einer geradezu luxuriös anmutenden Zufriedenheit ausstattet, hat sein Leben gelebt, hat einen Mann geheiratet, Fußball gespielt, sich seine Träume erfüllt. So fallen alle Erwartungen, die Werner jahrelang mit diesem aussichtslosen Zimmer verbunden hatte, im Laufe des Abends in sich zusammen.

          In Konsequenz zerlegt auch Bühnenbildner Stefan Hageneier die gräulich verblichenen Palmentapeten, bis durch das Gerüst hindurch die roten Buchstaben des Hotels gleich einem Sonnenuntergang in der Weite der weißen Hinterbühne leuchten. Es ist nicht das erste Jonigk-Drama, das die Regisseurin Tina Lanik inszeniert. Aber diesmal gelingt es ihr sehr schön, die Tragik durch die Komik zu unterstützen und nicht umgekehrt, die Vorder- und die Abgründe der Figuren im Gleichgewicht zu halten, während der Text mit seinen vielen Tempowechseln, absurden Wiederholungen und mitteilungsbedürftigen wie bemitleidenswerten Typen immer wieder in Richtung Boulevard verführt. Lieber verschenkt sie hier und da einen Wortwitz, als die Spannung zu stören. Was bleibt, ist das Versprechen, sein Leben mutig dem Augenblick zu widmen, selbst wenn es in Kitsch sein muss.

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