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Uraufführung in Bochum : Die Macht der lärmenden Masse

Das Alte stürzt: Gina Haller in „Noise. Das Rauschen der Menge“ von Manuela Infante am Schauspielhaus Bochum Bild: Nicole Marianna Wytyczak

Sie ist der Chor, der nie im Gleichklang spricht: Gina Haller stemmt die Uraufführung von Manuela Infantes Collage „Noise. Das Rauschen der Menge“ in Bochum ganz allein.

          3 Min.

          Ein Abend aus Licht und Lärm. Ein Abend über die Wut und den Schmerz der Menge, über ihre Macht und Ohnmacht. Ein ganzes Volk ist in Aufruhr, aber auf der Bühne steht nur eine Person, eine junge Frau. Sie spielt alle Hauptfiguren und alle Nebenfiguren, sie spielt Männer, Frauen, Kinder, Greise, einen Hund. Gina Haller ist das Rauschen der Menge, das die chilenische Autorin Manuela Infante im Titel ihres neuen Stücks ankündigt. Sie ist der Chor, der nie im Gleichklang spricht.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine verrückte Idee. Ein Hörspiel eher als ein Theaterstück. Eine Stimmencollage, live auf der Bühne zusammengestellt, um eine konkrete politische Situation anschaulich zu machen und gleichzeitig darüber nachzudenken, was das eigentlich ist: ein Aufruhr. Wie lässt er sich beschreiben, wie erfahrbar machen? Es geht um einen im Ansatz revolutionären Vorgang auf der einen Seite, um ein unentwirrbares Knäuel von Stimmen, Perspektiven, Schicksalen, Erzählungen, Nachrichten, Gerüchten und Tönen auf der anderen Seite. Manuela Infante nähert sich in ihrem Stück den Unruhen, die im Jahr 2019 große Teile von Chile erfasst haben, als handele es sich vor allem um ein akustisches Phänomen. Wie klingt die Menge, wenn sie in Bewegung gerät?

          Der Klang der Menge

          Infante begreift soziale Bewegungen offenbar als synästhetische Ereignisse, die alle Sinne betreffen, alle Sinne ansprechen, alle Sinne verwirren. In ihrem Theaterstück „Noise. Das Rauschen der Menge“, das jetzt am Schauspielhaus Bochum unter der Regie der Autorin uraufgeführt wurde, konzentriert sie sich auf das Sehen, vor allem aber auf das Hören. Es beginnt in der Praxis eines Augenarztes, denn chilenische Sicherheitskräfte waren im Verlauf der Demonstrationswelle dazu übergegangen, nicht wahllos in die Menge zu schießen, sondern die Gesichter und speziell die Augen ins Visier zu nehmen. Weit mehr als dreihundert Menschen sollen auf diese Weise seit Beginn der Unruhen verletzt worden sein, mit Geschossen aus Gummi oder Stahl. Auf Plakaten stand zu lesen: „Sie wollten uns blind machen. Jetzt sehen wir mehr.“

          Furioses Solo über neunzig Minuten: Gina Haller
          Furioses Solo über neunzig Minuten: Gina Haller : Bild: Nicole Marianna Wytyczak

          Gina Haller steht auf der Bühne der Kammerspiele zwischen Plastikfolien, die vom Schnürboden herabhängen und hinter denen der liegende Kopf einer großen Statue anfangs mehr zu ahnen als zu sehen ist. Erst taucht Bühnenbildner und Lichtdesigner Rocío Hernandez die Folien in farbiges Licht, dann lässt er sie von Gina Haller nach und nach herunterreißen, bis die Bühne mit ihnen übersät ist wie ein Schlachtfeld. Es gibt nur zwei Requisiten: den mit Luft gefüllten großen Kopf und ein kleines Regiepult, einen Looper, den die junge Schauspielerin virtuos handhabt. Das Gerät wird per Pedal bedient, um Signale aufzunehmen, die direkt wieder abgespielt, in Endlosschleifen wiederholt und mit weiteren Aufnahmen überlagert werden können. Die Effekte sind beachtlich.

          Lärm und Klang, Stimme und Körper, Individuum und Masse

          Gina Haller führt Dialoge mit sich selbst, schlüpft in die unterschiedlichsten Personen und lässt Hubschrauber über der Bühne kreisen, deren Rotorenlärm sie zuvor mit dem Mund erzeugt und aufgenommen hat (Sounddesign: Diego Noguera). Sie bellt, schnaubt, röhrt, jault und heult. Sie brüllt, weint, wimmert, flüstert. Die Geschichte einer Fotografin, die unter ungeklärten Umständen während der Unruhen ums Leben kam, wird in verschiedenen Versionen erzählt, denn zum Lärm des Aufstands gehört auch das Gerücht, das viele Schliche kennt, um sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen. Gina Haller fegt dabei über die Bühne wie ein Lauffeuer, das ständig seine Gestalt verändert. Immer wieder wechselt sie die Stimmlage, den Tonfall, das Sprechtempo, verfällt in den Singsang eines kleinen Mädchens oder das Schwyzerdütsch einer alten Frau. Es ist ein Kraftakt über neunzig Minuten, eine Probe auf die Konzentrationsfähigkeit und Wandelbarkeit der Schauspielerin. Gina Haller besteht diese Probe glänzend – und tut doch manchmal des Guten zu viel. Dann verselbständigt sich die Lust an der Verwandlung, es wird nur noch vorgeführt, was auch noch geht, und der paradoxe Effekt tritt ein, dass aus zu viel Abwechslung Monotonie erwächst.

          „Noise. Das Rauschen der Menge“ ist ein Stück, das von den Vorgängen in Chile mehr angeregt wurde, als dass es von ihnen handelt. Es gibt konkrete Hinweise auf reale Ereignisse, etwa eben den sprunghaften Anstieg von Augenverletzungen oder das Niederreißen von Denkmälern und Statuen, das man von Protestbewegungen in Osteuropa kennt. Aber daraus entsteht keine fortlaufende Handlung. Infante, deren Stück als Auftragswerk des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens entstanden ist, versteht „Noise“ als Auseinandersetzung mit den „Beziehungen von Lärm und Klang, von Stimme und Körper, Individuum und Masse“, wie es im Programmheft heißt.

          Der Lärm, den die Demonstranten erzeugen, indem sie Steine gegen Bleche schlagen, kehrt sich in veränderter Form als Waffe gegen sie, wenn die Regierung Geräte einsetzt, die schmerzhafte Schallwellen erzeugen, um die Demonstrationen aufzulösen. Infante integriert einen Exkurs zu Luigi Russolo, einem futuristischen Maler und Komponisten, und seinem Manifest über „Die Kunst der Geräusche“ ebenso umstandslos in ihr Werk wie das rührselige Märchen vom armen Moskito, das sich in einem menschlichen Ohr verirrte und jämmerlich darin zugrunde ging. Ein Abend für Licht, Lärm und ein großes Talent. 

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