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Uraufführung „Jalta“ in Düsseldorf : Churchills Adjutant trägt ein Ballkleid in Pink

Gipfeltreffen am Ende des Zweiten Weltkrieges: Karin Pfammatter und Xenia Noetzelmann in der Düsseldorfer Uraufführung von „Jalta“. Bild: Sebastian Hoppe

Lucas Svenssons Geschichtsfarce „Jalta“ wird in Düsseldorf uraufgeführt. Das von Staffan Valdemar Holm inszenierte Drama über die epochale Nachkriegskonferenz ist zwar redselig, aber nicht weiter aufregend.

          2 Min.

          “Die Frage ist doch, wer sind die Freunde der Demokratie und wie ist das Wort ,Demokratie’ zu interpretieren?“ - Was beginnt so? Nein, kein Parteiprogramm und auch nicht die allerletzte, ins Grundsätzliche abgleitende Wahlkampfrede, sondern ein Theaterstück, das am Tag vor der Bundestagswahl - „ein super Datum“, meinte der Regisseur - seine Uraufführung erlebte und ihr am Ende doch nur zeitlich bedrohlich nahe gekommen war. Als sich über „Jalta“ von Lucas Svensson im Düsseldorfer Schauspielhaus der Vorhang senkte, waren es keine zehn Stunden mehr bis zur Öffnung der Wahllokale.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Konferenz auf der Krim, zu der sich Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin im Februar 1945 trafen, schließt die erste Hälfte des Jahrhunderts ab und legt die weltpolitische Ordnung bis zum Epochenbruch 1989 fest. Der schwedische Autor, über den im Programmheft nichts Näheres zu erfahren ist, hält die Konsequenzen der Konstellation von damals für noch immer nicht hinreichend ausgeleuchtet.

          Geschacher um Einflusssphären und Grenzverläufe

          Also versucht er einen neuen Blick darauf, der, Fakten mit Fiktionen vermischend, hinter die offiziellen Protokolltexte und vergilbten Fotos geht: In „Jalta“ zeichnet er den patriotischen Churchill als Staatsmann des British Empire, der dem kaukasischen Champagner zuspricht und Pazifisten als Weiber anblafft, Roosevelt als sentimentalen Schöngeist, der sich mit den Vereinten Nationen noch ein Denkmal setzen will und ansonsten lieber Zeichentrickfilme schaut, Stalin als misstrauisch paranoiden, ideologisch verbohrten Machtmenschen, der Hunde dressiert und auch seinen Adjutanten wie einen solchen behandelt.

          Im Dialog mit ihren nächsten Vertrauten werden die „Großen Drei“ einer nach dem anderen vorgestellt. Als sie endlich zusammentreffen, herrscht - neben Whisky und Wodka - das Protokoll. Es geht um den Frontverlauf im Westen und das Vorrücken der Roten Armee auf Berlin, um die polnische Frage und die - so Roosevelt - „Zerstückelung des besiegten Deutschland“: Ein Geschacher um Einflusssphären, Grenzverläufe und Ersatzansprüche, ein Poker um Macht und - zumindest vorgegebene - Moral. Das Drama in zwei Akten ist redselig, aber bis auf ein paar Sticheleien und Sarkasmen rhetorisch nicht weiter aufregend. Raschelndes Papier.

          Wo Svensson mit seiner „Komödie“ hinwill, wird im Verlauf von zweieinhalb Stunden nicht recht erkennbar. Wettstreit der Systeme? Konkurrenz der Ideologien? Politgroteske? Geschichtsfarce? Am ehesten will er wohl an den Stammtisch: Aber alle drei sind doch auch nur Menschen. Die werkgetreue Inszenierung von Staffan Valdemar Holm, der, noch als Düsseldorfer Intendant, das Stück in Auftrag gegeben hatte, hilft da auch nicht weiter. Dem kühlen Pathos des Bühnenraums von Bente Lykke Møller, einer hohen, in verschiedenen Grautönen prunkenden Halle, vermag sie zu wenig entgegenzusetzen.

          Zwar werden die drei „großen“ Männer - wie auch ihre Adjutanten - von Frauen gespielt, doch gelingt es der Regie nicht, die männlichen Kriegerhaltungen zu neuer Kenntlichkeit zu entstellen. Dabei verfügt sie über ausgezeichnete Schauspielerinnen: Imogen Kogge lässt Churchill schwergewichtig aus dem Tritt geraten, Karin Pfammater verpasst Roosevelt einen Schuss Unberechenbarkeit, Stina Ekblad gibt Stalin eine maskenhafte Kälte.

          Die Einkleidung des britischen Adjutanten mit einem prächtigen pinkfarbenen Ballkleid bleibt als Schlüsselszene eine schöne Illustration, die eingeflochtene erotische Verführung jedoch ist nicht mehr als eine folgenlose Arabeske. Am Ende wird die Frage der Demokratie wiederholt, doch während Svensson die kratzige Stimme von Joseph Goebbels vorsieht, lässt Holm lieber „Lilli Marleen“ singen. So stoßen Theater und Politik mit Wassergläsern an: Als wäre der Wahlkampf nicht schon langweilig genug gewesen.

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