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Uraufführung in München : Gehirngymnastik in der Turnhalle

  • -Aktualisiert am

Hat Aristophanes das geahnt? Die Gedanken flüchten, die Denkenden bleiben allein auf ihren Sockeln im Münchner Cuvielléstheater zurück. Bild: Sandra Then

Uraufführung im Cuvielliéstheater in München: Thom Luz inszeniert seine Collage „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum“ nach Aristophanes als Geisteskapriole.

          3 Min.

          Das Beste an der Behauptung ist die Freiheit, sie zu äußern. Forsch steht sie im Raum und wartet einfach ab, mit allen Sinnen, was ihr entgegnet wird. So war es im Jahr 400 vor Christus, und so ist es heute.

          Ein Künstler, der es beherrscht, Behauptungen in Theaterräume zu stellen und diese dadurch in gesellschaftliche Wartehallen voll seltsam komischer Abgründe zu verwandeln, ist der Schweizer Autor, Regisseur und Bühnenbildner Thom Luz. Intendant Andreas Beck hat ihn ans Münchner Residenztheater mitgebracht. Dort schrieb und inszenierte er nun für das Schmuckkästchen des Cuvilliéstheaters eine Antwort auf zentrale Motive der zeitlos utopischen Komödien des Aristophanes: Recht und Rhetorik, Demokratie und Idealstaat, Kapital und Gerechtigkeit.

          Gedanken auf der Flucht

          „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum“ – der griechische Dreiklang aus Titeln des attischen Dramatikers vereint „Dinge, die sich auflösen, die vor uns flüchten, die ungreifbar sind“, so Luz, „ein menschliches Grunddilemma“. Deswegen liegen in seinem Wolkenkuckucksheim Genie und Wahnsinn auch sehr nah beieinander: Die Denkschule des Sokrates, in die Luz sein gesamtes neunzigminütiges „Triptychon des Flüchtigen“ legt, erinnert an ein Irrenhaus, der philosophische Geist gleicht einer Spinnerei, die sophistische Argumentation wird als haltlose Behauptung entlarvt. „Die Gedanken flüchten vor uns – aus gutem Grund!“

          Kalkweiß sind die Figuren, Wände, Requisiten dieses betont neutralen, sinnentleerten Szenarios. Nebel pufft aus den riesigen Luftkissen, mit denen die Insassen dieser Wolken- und Denkfabrik – „Schulhaus, Schmiede, Scheune und Palast für lose Gedanken, feine Diskurse und unlösbare Knoten“ – in eigenwilligen Tanz-, Sing- und Gymnastikroutinen agieren. „Bei uns macht nicht nur der Geist Kapriolen, das Phrontisterion ist auch eine Turnhalle für Gehirnwindungen.“ Und zwar seit Hunderten von Jahren, wie die Patina anzeigt.

          Nur einer bringt frisches Fleischrosa in die Runde: Pheidippides, der Neue. Von dieser Figur ausgehend, verwebt Thom Luz Passagen der drei Aristophanes-Dramen, gipfelnd im irrwitzigen Fazit einer Aufzählung des bisher Gelernten durch den bereits mit entwaffnender Logik hirngewaschenen Philosophenschüler. Luz hat ihn aus der Gerechtigkeits-Parabel „Die Wolken“ geliehen, in dem der verschuldete Strepsiades seinen Sohn bei Sokrates zum Gegenredner ausbilden lässt, der stets mit dem schwächsten Argument gewinnt. Eine rhetorische Waffe, die sich gegen Strepsiades selbst wenden wird.

          Die Illusion und damit letztlich eine Lüge zur Wahrheit zu ernennen ist auch das Grundprinzip von Theater. Und so entpuppt sich sowohl bei Aristophanes als auch bei Luz die Handlung, mit ihren nur als Zeitvertreib nützlichen Handgriffen und Gedankenspielen des Absurden, als Spiel im Spiel: „Indem wir hoffen, sind wir so dumm zu glauben, dass die Existenz einen Sinn hat . . . Bei ausbleibender Hoffnung können wir wenigstens versuchen, ohne wahnhaftes Streben vorwärtszukommen und frei zu leben.“

          Das Chaos ist willkommen, die Ordnung hat versagt

          Das spiegelt auch die Bühne, indem ihre reale Brandmauer zur spartanischen Anstaltshalle mit blanken Glühbirnen und Lautsprechern erweitert ist. Der Appell an den „lieben Bürger“, gegen den Schwindel „dieser ganzen falschen Welt“ als Ideenkonstrukt aus „schlecht gemalten“, steuergeldfinanzierten Kulissen zu protestieren, sitzt. Der Weg von der Einfalt zur Klarheit führt bei Aristophanes über die Einfachheit. Das ist bei Thom Luz nicht anders. Doch gemäß der Erkenntnis „Das Chaos ist willkommen, denn die Ordnung hat versagt“ überlagert der Regisseur mehrere Einfachheiten zu einer komplexen Komposition flüchtiger Momente. Sogar das Licht mit seinen oft variierenden Stimmungen wirkt hier als autonomer Akteur, was sicher daran liegt, dass aus Tina Bleulers Hand auch die Kostüme stammen. Die leinenweißen Overalls und Gesundheitslatschen spiegeln die Gruppendynamik und zugleich die autistische Individualität, in der Mareike Beykirch, Elias Eilinghoff, Steffen Höld, Barbara Melzl, Lisa Stiegler und Cathrin Störmer den Agon, das Wortgefecht der Antike, zwischen dem „weisesten Mann Athens“ und dessen Lehrlingen zur rezitativen Besessenheit steigern.

          Begleitet wird all dies von einer vor der Rampe wie aus einem Orchestergraben heraus musizierenden Dirigentenfigur. Unter der musikalischen Leitung von Ma­thias Weibel, gemeinsam mit vier Tonbandgeräten und genauso vielen elektronischen Tasteninstrumenten, kachelt Daniele Pintaudi ein bedrohlich-liebliches, thematisch stimmungsvolles Mosaik aus Gestern und Heute zusammen. Das auf ein Viertel zwangsausgedünnte Münchner Premierenpublikum spendete einen langen, beherzten Applaus.

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