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Uraufführung in Hamburg : Das macht den Menschen gerade nicht aus

  • -Aktualisiert am

Nein, Doktor Frankenstein ist noch nicht tot – zumindest nicht in Hamburg: Jan Bosse inszeniert „Frankenstein / Homo Deus“ im Thalia Theater. Bild: Krafft Angerer

Die Aliens halten Einzug in Hamburg: Weder das ambitionierte Stück „Frankenstein / Homo Deus“ am Thalia Theater, noch das unfreiwillige Requiem für David Bowie, „Lazarus“, am Schauspielhaus können überzeugen.

          Vor wenigen Tagen wurde das Thalia Theater Hamburg 175 Jahre alt. Zur Feier dieses Jubiläums gönnte man sich nun eine Uraufführung, die Großes wollte: einen konstruktiven, kritisch forschenden Blick in die Menschheits- und Weltgeschichte mit dem Titel „Frankenstein / Homo Deus“, inspiriert von Mary Shelley und dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Und es sollte ein richtiges Event werden. Also wurde das Publikum in vier Gruppen eingeteilt, denen zeitgleich an verschiedenen Orten – Hinterbühne, Foyer, Saal – etwas vorgespielt wurde. Der Regisseur Jan Bosse, der im Programmheft mitteilt, dass ihn schon lange die Frage beschäftigt, was „den Menschen menschlich“ mache und was „uns kostbar am Menschsein“ sei, sucht die Antworten darauf mit einem sechsköpfigen Ensemble und Jonas Landerschier am Keyboard. Dass er sie nicht gefunden hat, ist ihm nicht vorzuwerfen, wohl aber, dass er das Thema derart oberflächlich, lasch und künstlerisch völlig nichtssagend bearbeitet.

          Kreuz und quer und ohne Rücksicht auf Verluste geht es um Künstliche Intelligenz und Posthumanismus, um das Recht auf Unglück und den Sinn des Sterbens, um Menschen, die Gott werden, und Maschinen, die ihn abschaffen wollen. Natürlich geht es auch um selbstfahrende Autos und um Gesichtserkennungsprogramme, um wahre Gefühle und echte Gedanken. Kurz gesagt, es geht inhaltlich um alles und nichts, doch in der Inszenierung von Jan Bosse eben leider theatralisch vor allem: um nichts.

          Nicht einmal lachen ist möglich

          Sebastian Zimmler karikiert da mit blutiger Metzgerschürze den Doktor Frankenstein, Pascal Houdus stakst als dessen Monster oder später als Roboter („SEK001“) wie ein schlecht geölter Blechtrottel herum. Paul Schröder und Jirka Zett sind als Forscher in gelben Overalls libidinös mit technischen Geräten beschäftigt und drängen das Publikum zwischendurch zum Aufstehen. Überhaupt müssen die Zuschauer, die sich ja nicht wehren können, mancherlei Übergriffigkeiten ertragen – etwa, wenn sie von Marie Löcker als Frankensteins Gehilfe Igor geblendet und eingenebelt werden. Alle Schauspieler steigern sich mit Haut und Haaren in ihre abstrusen Figuren hinein, wirken in einem bemüht unheimlichen Film von Jan Speckenbach mit, verhauen einander mit Kissen und lassen Seifenblasen platzen. Man kann sich vorstellen, dass sie viel Spaß bei den Proben hatten, und hätte gern mitgelacht, aber die so diskursiv verquasten wie dilettantisch rumpelnden Szenen verhindern dies.

          Einzig die wunderbar unverblümte Karin Neuhäuser als Putzfrau bringt die Problematik in einem geistreichen Monolog auf den Punkt: Die nämlich sorgt sich nicht um die Entwicklung der Künstlichen, sondern um die Stagnation der menschlichen Intelligenz. Vielleicht hätte ihr Jan Bosse besser zuhören sollen.

          Die Leere zwischen Pailletten, Glitzer und Bowie-Gebaren

          Die Debatte um das Wesen oder das Unwesen des Menschen bestimmt auch das Musical „Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh, das nach seiner deutschen Uraufführung in Düsseldorf nun auch Falk Richter am Schauspielhaus Hamburg inszenierte. Es wurde – nach Bowies Tod – als Requiem verstanden und verklärt. Dabei handelt es sich um die Fortsetzung des Science-Fiction-Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) von Nicolas Roeg, in dem Bowie einen Außerirdischen namens Newton spielte, der an den Menschen mit ihren Intrigen scheiterte und nicht mehr zu seiner Familie zurückkehren konnte.

          Jetzt lebt der alte Newton, desillusioniert und immer noch voller Heimweh, in einem Appartement in New York. Um achtzehn von David Bowies Hits herum hat der irische Dramatiker Enda Walsh einen seltsam unscharfen Text geschrieben, in dem alle Personen – Newton ausgenommen – nur als lächerliche Phantasmagorien auftauchen. Dem Musical-Genre entsprechend wird ausgiebig gesungen und getanzt, besonders Julia Wieninger als Newtons Assistentin mit Liebeskummer und Gala Othero Winter als schrilles irdisches Alien können überzeugen.

          Newton als Popstar: Lazarus in der Inszenierung von Falk Richter.

          Im Zentrum steht der charismatische Alexander Scheer als Newton, hochgewachsen, schlaksig, mit orange gefärbtem Schopf wie die Kinofigur. Er gibt einen veritablen Popstar ab und wird selbst bei den Songs zum täuschend ähnlichen Bowie-Doppelgänger. An Darstellung verlangt ihm Falk Richter neben permanentem Look-alike-Gebaren leider höchstens ab, an einer kleinen Theke rechts vorne wütend Eiswürfel zu zerhacken und sich heftig Gin einzuschenken. Beständig flimmern Nachrichten, Filmschnipsel, Testbilder über Leinwände und Monitore. Die Bühne von Katrin Hoffmann ist mit einem abweisenden Felsmassiv, vertrockneten Bäumen, überdimensionalen Blättern als Fragmenten einer beschädigten Natur bestückt. Ein gezackter Steg ragt in den Saal, damit man Scheer ganz aus der Nähe sehen kann. In den Kostümen von Andy Besuch herrscht verschärfter Paillettenalarm, alles glänzt und glitzert und zitiert vergangene Popprächtigkeiten.

          Der Aufwand dieser kniefällig–kitschigen Inszenierung ist enorm, was sie allerdings nicht besser macht, denn außer Breitwandausstattung und medialem Dauerfeuer hat Falk Richter wenig zu bieten: Die Opulenz der Aufführung ruft nichts als kosmisch-triste Leere hervor. Ach, Mensch!

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