https://www.faz.net/-gqz-7hlea

Uraufführung „Ich bin Nijinsky“ in Frankfurt : Tänzer haben wir am liebsten durchgeknallt

  • -Aktualisiert am

Gott ist oben, kapiert? Max Mayer als irres Tanz-Genie, das in „Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod“ seine Tagebücher monologisch ausweidet. Bild: Birgit Hupfeld

Wenn am Genie nur der Wahnsinn interessiert, kommen Klischees ins Hopsen, und der Schmock regiert: Zum Beispiel in „Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod.“ vom Frankfurter Schauspielchef Oliver Reese, uraufgeführt in der Alten Oper.

          3 Min.

          So wahnsinnig rührend kommt doch selten ein Stoff daher und alles aus dem wahren Leben echter Künstler: Diaghilew, der knabenliebende Impresario der „Ballets Russes“ und seine Geschichte mit dem süßen russischen Tänzerjungen Vaclav Nijinsky! Nijinsky, die Ausnahmebegabung, hochsensibel, schwankend zwischen Homosexualität und Heterosexualität, labiler Publikumsliebling, Skandalchoreograph, dessen Leben in Paris aus Liebe, Erfolg und parfümierten Kissen bestand, und dann – puff!, Absturz in die Schizophrenie. Hat aber in der Schizophrenie diese ganz genialen Tagebücher mit dem Hedwig-Courts-Mahler-Titel „Ich bin ein Philosoph, der fühlt“ geschrieben.

          Seither sind alle, die von Tanz keine Ahnung haben, wenigstens von diesem Irren fasziniert, dem kranken Genie, das nach einer wilden produktiven jeunesse dansante vierzig Jahre von seiner Ehefrau Romola von Anstalt zu Anstalt geschoben wurde. Wer auch nur eine Biographie gelesen hat, es müsste ja nicht mal die neueste, 2013 erschienene von Lucy Moore sein, fragt sich, warum die Welt sich nicht für den Künstler und Menschen interessiert, der Nijinsky bis zum Ausbruch der Krankheit war.

          Die Körpersprache eines Rappers

          Auch der neue, von ihm selbst inszenierte Monolog des Frankfurter Schauspielintendanten Oliver Reese enthält unter dem Titel „Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod.“ wieder nichts als Tagebuchauszüge aus der dunklen Zeit, in der die Ehefrau des beabsichtigten Giftmords verdächtigt wird, Diaghilew, sein Förderer und Liebhaber, nur als ein lüsterner, unappetitlicher alter Mann erscheint und Nijinsk sich für Gott persönlich hält.

          Dementsprechend muss Reeses Solo-Schauspieler Max Mayer dauernd den rechten Zeigefinger gegen die Saaldecke recken: Gott? Ist oben! Mayer zeigt auch sonst die Körpersprache eines Rappers, knallt sich die nach innen gedrehten gestreckten Zeigefinger gegen die Brust, redet mit langen, gerundeten Armen, deren Hände sich wie Mühlräder drehen. Wäre Nijinsky heute ein Rapper oder war Nijinsky damals so provokativ wie heute die Rapper? – das sind so die Fragen, die von der Regie gestellt werden.

          Alles Klischees

          Nijinsky wäre aber kein Rapper, würde sich heute wie damals für kompliziertere Rhythmen und Muster interessieren, Strawinskys etwa. Er würde auch nicht so bekloppt aus einer Wasserflasche trinken, nicht so eklig Schokopudding schlabbern und dabei immer mit dem Löffel auf den Grund der Schüssel knallen. Dieses schauspielerische Hackenzusammenknallen nervt einfach nur. Alles Klischees, wie auch das Hyperventilieren gegen die Rückwand des Mozartsaals der Frankfurter Alten Oper.

          Die Architektur des Saales wird durch Johan Delaeres Beleuchtung erst richtig auffällig. Er ist zwar ein großer Lichtdesigner, macht aber erst einmal nur die Saalbeleuchtung an und richtet ein paar Scheinwerfer aufs nackte Podium. So nimmt das Publikum bewusst wahr, dass es sich in einem von Messingstangen umstandenen, mit Kunststoff verschalten Konferenzzentrum befindet, wie es in 5-Sterne-Hotels der achtziger Jahre Mode war. Man kann sich also auf den Mond geschossen fühlen – wie vom Text auch.

          Für wen soll diese exhibitionistische Ausstellung schizophrener Gedankenschwankungen Mitteilungen enthalten: für ein Publikum von Psychiatern? Oder für ein Publikum, das, von Alain Platel und anderen auf Gestammel, Gewackel und Zusammenbrüche vorbereitet, einfach nicht mehr will, dass da oben auf der Bühne Figuren agieren, die ihre Tassen noch im Schrank haben. Die Frechheit des Vorhabens besteht darin, aus zu späten Tagebüchern eines für die Moderne bedeutenden Künstlers eine Collage zusammenzubauen, die nicht den geringsten Erkenntnisgewinn erzielt.

          Denn Nijinskys Absturz kann doch nur ermessen, wer die Fallhöhe kennt. Lynn Garafola hat beschrieben, wer der in Oliver Reeses Textfassung so böse Diaghilew war: „Seine Großzügigkeit war grenzenlos. Er schenkte ihnen (gemeint sind die Protegés, von den Nijinsky Erster unter Gleichen war) all die angesammelte Weisheit seiner Jahre. (...) Geld war kein Gegenstand der Unterhaltung: Er zahlte für Monate des Experimentierens in Ballettsälen und Hunderte von Proben mit Tänzern, für Musik von den größten Komponisten und Bühnenbilder der besten Künstler. Kein Pygmalion diente seiner Galatea besser als Diaghilew seinen Liebhaber-Choreographen.“ Ja, und jetzt? Ist der erkrankte Nijinsky jemand, der alles Negative zuoberst kehrt und ungerecht wütet gegen jene, die für seine Krankheit nichts können?

          Charismafreies Brüllen

          Aus Oliver Reeses Stückchen erfährt man nichts über den Mann, dessen Sprung durch ein Bühnenfenster Tausenden von Zuschauern den Atem stocken ließ („Le spectre de la rose“) und nichts über seinen „Siamesischen Tanz“, nichts darüber, wie er seine berühmte Uraufführungschoreographie des „Sacre du printemps“ anlegte. Nijinskys Präsenz und sein Wirken veränderten das Theater, indem er die Menschen begreifen ließ, was die Moderne da draußen in ihnen anrichten würde. Nichts von diesem Kampf begreift man durch das Solo des charismafreien, aber viel brüllenden Max Mayer. Nijinsky war ein schüchterner, im Straßenanzug recht unauffälliger Mann, der kein Wort Englisch sprach, als er in die Salons von Bloomsbury eingeführt wurde. „Aimez-vous Platon?“, begrüßte man ihn dort freundlich. Doch diese Art Phantasie, Neugier und Achtung gegenüber einem Fremden fehlt dem Abend völlig.

          Kurz vor der Schlussrunde des einstündigen Stücks geht hinten eine Tür auf und gibt den Blick frei auf einen glühbirnenumrandeten Garderobentisch mit Trockenblumen und leerer Champagnerflasche. Champagner war die einzige Droge, die Diaghilew Nijinsky gestattete. Bloß machte er von dieser Erlaubnis fast nie Gebrauch. Ein gut erforschtes Detail – hier aber nur ein Symbol für die langweilige Uninformiertheit des Textes.

          Weitere Themen

          Hier führte sie das Wort

          Erika Mann in Amerika : Hier führte sie das Wort

          In der Familie Thomas Manns war sie die treibende Kraft, wenn es um existentielle Fragen des Exils ging. Vor der Rückkehr nach Europa dirigierte seine Tochter Erika Mann von Pacific Palisades aus die Außenwirkung der Familie. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang stellen den Verfassungsschutzbericht 2019 vor

          Rechtsextremismus : „Das ist eine Schande für unser Land“

          Der aktuelle Verfassungsschutzbericht zeichnet ein klares Bild: Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus seien weiter die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland, erklärt Innenminister Seehofer. „Wir müssen weiterhin wachsam und wehrhaft sein.“
          Der Dresdner Stadtteil Neustadt

          Lokalposse : Schaltet Dresden das Internet ab?

          Wie es die Partei „Die Partei“ in Dresden unter Mithilfe etablierter Politiker abermals schafft, die Kommunalpolitik lächerlich zu machen.

          Waffengewalt in New York : Wie im Wilden Westen

          In New York hat die Waffengewalt stark zugenommen. Allein am ersten Juli-Sonntag starben neun Menschen an Schussverletzungen. Die Häufung der Verbrechen in der Stadt ist bemerkenswert – und lässt düstere Erinnerungen wach werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.