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Theresia Walsers „Herrinnen“ : Gipfeltreffen der Giftspritzen

  • -Aktualisiert am

Stellungsspiel im Frauenkampf: Sven Prietz, Sabine Fürst, Katarina Hauter und Ragna Pitoll sind Theresia Walsers „Herrinnen“ in der Mannheim Uraufführung. Bild: Hans Jörg Michel

Zickenkriegerinnen vor Boulevardtüren: Theresia Walsers „Herrinnen“ wurde im Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Ein Stück über politische Korrektheit und „Selbstanpreisungsgeilheit“.

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          Auf Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragte und männlich-schleimigen Respekt können diese Frauen verzichten: Geschlecht ist für sie nur ein lächerliches Konstrukt von Low-Performern. In hochhackigen Schuhen und schulterfreien Overalls, behängt mit Harvard-Diplomen und den Skalps gefeuerter Angestellter und Liebhaber, präsentieren sich fünf Kandidatinnen für den „Staatspreis für weibliche Lebensleistung“.

          Tanja, die straffe Topmanagerin, hat vier Kinder („drei selbst gepresst, eins dazugekommen“) und ist 185 Tage im Jahr auf Dienstreise, ohne dass ihre Work-Life-Balance oder Dauerwelle darunter litte. Staatsanwältin Martha, die eiskalte „Kettensägen-Menke“, hat ihre Familienplanung aufs Eizellen-Eis gelegt, lange bevor das Social Freezing erfunden wurde. Rita hat sich von der Sekretärin eines Saftladens zur Chefin eines Betonpumpen-Weltmarktführers hochgearbeitet, der selbst die Chinesen wie Ameisen wegspritzt. Katie arbeitet als Kindergartenmanagerin an inklusiven Konfliktlösungsstrategien; die Mathematikerin Brenda, vormals Bernd, hat sich gar ein Geschlechts-Upgrade geleistet.

          Von weiblicher Solidarität kann also keine Rede sein. Die Frauen fallen mit ausgesuchten Bosheiten wie „Harvard-Consulting-Tusse“, „Kampfstute“ und „penislose Jammerziege“ über ihre Konkurrentinnen her. Führungskräfte auf höchster Ebene sind so geschlechts- wie gnadenlos, und das gilt auch fürs Theater. Was als Zickenkrieg in der freien Marktwirtschaft beginnt, entpuppt sich bald als eine Probe für das neue Stück der Regisseurstheaterhasserin Gloria Wolf. Theater im Theater: Fünf Schauspielerinnen, die fünf Zickenkriegerinnen spielen, streiten kurz vor der Premiere um Hosen- und Hauptrollen, gegen Authentizitätsterror, politische Korrektheit und „Selbstanpreisungsgeilheit“.

          Grotesker als das wahre Leben

          Die Dramatikerin Theresia Walser kennt ihre Pappenheimer, die „Karrierehyänen“ des postdramatischen Theaters. Sie begann selbst mal als Schauspielerin; weil sie sich in fremden Texten unwohl fühlte, schrieb sie sich ihre Stücke selbst und stieg zur Königin der gehobenen Komödien auf. Walser hat nicht vergessen, dass es auch im Theater Konkurrenz und Leistungsdruck, Quotenfrauen und ein „Präsenzzwangsjackenleben“ gibt, und deshalb zieht sie ihren Stücken seit „Kleine Zweifel“ und „Das Restpaar“ gern noch eine zweite Ebene ein, in denen sie die Schauspieler in schwachen Momenten hinter den Kulissen, beim Casting, auf der Probenbühne, in Kantinen und Talkshows abpasst. Noch grotesker als das wahre Leben ist der Versuch eitler Selbstdarsteller, es spielend einzuholen. In Walsers „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ diskutierten drei Hitler-Schauspieler, wer das Monster am monströsesten darstellen könnte. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stritten drei abgehalfterte Diktatorenwitwen auf einer Pressekonferenz darum, welche Hollywood-Diva bei der Verfilmung ihrer Biographien Schmiere stehen dürfe.

          In „Herrinnen“, ihrem sechsten fürs Nationaltheater Mannheim geschriebenen Stück, dreht Walser die Theater-im-Theater-Schraube noch einen Zacken weiter: Der Krieg der Powerfrauen wird verdoppelt und gespiegelt im Hauen und Stechen der Erfolgsschauspielerinnen darum, wessen weibliche Lebensleistung am teuersten erkauft wurde und wessen Selbstausbeutung am meisten Applaus verdient. Das Stück im Stück heißt nicht zufällig „Die Tür“. Walser hat schon mal einen Monolog über die klappernde Tür geschrieben, die auf dem Boulevard Innen- und Außenwelt trennt: Hinter den Kulissen lauert der nackte Wahnsinn, auf der Bühne verdichtet er sich zum pointenseligen Wortgefecht. In Mannheim knarrt und knarzt die Tür allerdings. Nicht nur, weil ihre Scharniere zwischen den beiden Spielebenen vernehmlich ächzen und das Giften der Vorständlerinnen auch keine abendfüllende Unterhaltung ist: Karrierefrauen- und Schauspielerinnensatire gehorchen derselben Logik, und so viel Selbstbespiegelung ermüdet dann doch.

          Anke Schubert hat nicht nur als resolute Selfmade-Unternehmerin, sondern auch als „Boulevardschabracke“ und „Guckkastengretel“ alter Schule die Hosen an. Sven Prietz stöckelt sehr hübsch als transsexueller Rechen- und leidenschaftlich brennender Vollblutkünstler über die Bühne, aber die existentielle Verwirrung nimmt man ihm dann doch nicht ab. Katharina Hauter bleibt als gutmenschelnde Sozialarbeiterin wie als Bannerträgerin des kommunikativen Theaters ein naives Dummchen, Sabine Fürst als Ursula-von-der-Leyen-Karikatur wie als jugendliche Liebhaberin ein staksender Storch. Ragna Pitoll, die hinkende Staatsanwältin, spielt mit Krückstock und melancholischer „Krüppelschmiere“ Richard III. im weißen Hosenanzug, aber zur abgründigen Figur reicht es nicht einmal bei ihr.

          Burkhard C. Kosminski hält sich als Regisseur beim Gipfeltreffen der „Herrinnen“ klugerweise zurück und lässt die Frauen machen. Sie rennen schwungvoll offene Boulevardtüren ein und holen sich Beulen an der vierten Wand: ein unterhaltsamer Kantinenwitz, ein hinterhältiges „Geschlechterkränzchen“, aber keine Tragikomödie, wie sie zum Beispiel Yasmina Reza hinbekäme.

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