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Neuwirths „Orlando“ in Wien : Großes Finale mit Greta

  • -Aktualisiert am

Kate Lindsay als Orlando. Bild: dpa

Olga Neuwirth hat aus „Orlando“ von Virginia Woolf eine Oper gemacht. Die Uraufführung an der Staatsoper Wien ist spektakulär.

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          Welch eine Figur: Ende des sechzehnten Jahrhunderts geboren, durch die Jahrhunderte wandernd, ohne dabei gravierend zu altern, die geschlechtliche Identität wechselnd, stets auf der Suche nach dem Kern des Ich, das äußerlichen Veränderungen zum Trotz dasselbe bleibt und vor allem ein Ziel verfolgt – als Künstler anerkannt zu werden. Mit ihrem Orlando schuf Virginia Woolf 1928 in ihrem gleichnamigen, als Biographie getarnten Roman eine traumtänzerische, androgyne Person, die zahlreiche Metamorphosen durchlebt, ehe sie sich am Ende über ihre ignorante Umwelt hinwegsetzt und zu dem steht, was sie ist: eine hochtalentierte, selbständige Dichterin.

          Im Auftrag der Wiener Staatsoper hat nun die österreichische Komponistin Olga Neuwirth den Stoff von Woolf aufgegriffen und in Kooperation mit der französisch-amerikanischen Autorin Catherine Filloux bis in unsere Gegenwart (in Englisch) fortgeschrieben. Seit jeher ist Neuwirth vertraut mit literarischen Stoffen: Bereits ihre ersten Kurzopern, „Körperliche Veränderungen“ und „Der Wald“ (zwischen 1989 und 1991entstanden), basieren auf Texten von Elfriede Jelinek, und ihr vorletztes Musiktheater, „The Outcast“ (2010), nimmt Motive von Herman Melville auf. Diese Erfahrungen sollten sich lohnen, zumal es für „Orlando“, wie Neuwirth ihre Vertonung betitelt, auch entscheidend ist, verschiedene musikalische Sprachen für die Jahrhundertreise der Titelfigur zu finden.

          Eine linear durchkonstruierte, sich kontinuierlich entwickelnde Musik verbietet sich angesichts der Zeitsprünge Orlandos ohnehin. Stattdessen setzt Neuwirth auf das Sprunghafte, Überraschende und bedient sich historischer Materialien: Fragmente aus barocken Madrigalen und Chorälen werden anfänglich zitiert, volksmusikalische Weisen blitzen auf, Kinder stimmen das Kirchenlied „Danke“ an, bis schließlich am Ende Anklänge an die heutige Rockmusik und Elektronik buchstäblich laut werden, denn sie werden auf der Bühne von einer verstärkten Band mit dem Drummer Lucas Niggli gespielt. Und doch gibt es in all dieser Buntheit ein verbindendes Element: den Orchestersatz, mit dem nicht nur die historischen Allusionen, sondern auch die gesprochenen Passagen der – wie einst der griechische Chor – neutral kommentierenden Erzählerin (Anna Clementi) unterlegt werden.

          Matthias Pintscher am Pult, selbst einer der renommiertesten Komponisten der Gegenwart, ermutigt das Orchester der Wiener Staatsoper dazu, ausnahmsweise einmal richtig dreckig zu spielen. Bereits das Instrumentarium, das Neuwirth vorgibt, erweitert den üblichen philharmonischen Sound: Neben drei großen Perkussionssets kommen im Graben ein Altsaxophon, ein Sampler, zwei Synthesizer und eine E-Gitarre zum Einsatz, deren Saiten überdies um sechzig Cent höher gestimmt sind. Im Gegenzug müssen alle zweiten Geigen um sechzig Cent tiefer gestimmt werden als das sonst mit 443 Hertz intonierte Orchester. Hinzu kommen auf der Bühne noch eine Brass Band und das erwähnte Rockensemble. Und so legt sich über all die historischen Bezüge stets eine Art schmutzige Schicht unserer düsteren Gegenwart. Bisweilen ergeben sich aus der unüblichen Skordatur höchst reizvolle Klangreibungen, die Neuwirth geschickt an dramaturgisch entscheidende Stellen setzt.

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